Ein Sonnenaufgang über den Hügeln des Böhmerwaldes
Titelbild zum Thema Operation Cowboy am Tag der Befreiung in Tschechien (8. Mai), das einen weißen Lipizzaner und Reiter in historischen US-Kavallerieuniformen zeigt.

Operation Cowboy und das Geheimnis von Rosendorf

Wer heute durch die dichten, ruhigen Mischwälder des Pilsener Böhmerwaldes wandert, ahnt oft nicht, auf welch historischem Boden er sich bewegt. Die Stille, die nur vom Rauschen der Blätter und dem Gesang der Vögel durchbrochen wird, legt sich wie ein friedlicher Schleier über eine Region, die am Ende des Zweiten Weltkriegs Schauplatz eines dramatischen und zugleich faszinierenden Kapitels der Weltgeschichte wurde. Es ist eine Geschichte von Mut, vom Streben nach Erhalt und von einem tragischen Opfer kurz vor dem langersehnten Frieden. Im Zentrum dieser Erzählung stehen das kleine, heute verlassene Dorf Rosendorf (Růžov) und die legendäre „Operation Cowboy“.

Gerade der Mai ist in Tschechien ein Monat der tiefen historischen Reflexion. Wenn die Natur im Böhmerwald aus dem Winterschlaf erwacht, erinnern sich die Menschen an die letzten, entscheidenden Tage des Frühlings 1945. Dieser Beitrag nimmt dich mit an einen Ort, an dem Geschichte nicht nur in Geschichtsbüchern steht, sondern in den moosbewachsenen Steinen alter Ruinen greifbar wird.

Der 8. Mai in Tschechien: Ein Tag der Befreiung und des Innehaltens

Der 8. Mai ist in Tschechien ein staatlicher Feiertag (Den vítězství), der Tag der Befreiung. Für Touristen, die vielleicht überrascht vor verschlossenen Supermarkttüren stehen, ist es wichtig zu verstehen, welch tiefgreifende Bedeutung dieses Datum für das Land hat. Es markiert das faktische Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft.

In der ersten Maiwoche 1945 war die Region Schauplatz massiver Truppenbewegungen. Von Westen her rückten die US-amerikanischen Streitkräfte unter General George S. Patton vor und befreiten weite Teile Westböhmens bis zur Demarkationslinie, die grob entlang der Städte Karlsbad, Pilsen und Budweis verlief. Von Osten kommend, drängte die Rote Armee in Richtung Prag. Der Pilsener Böhmerwald war somit eine der letzten Bühnen des Krieges in Europa. Doch es ging hier in den letzten Kriegstagen nicht mehr nur um Landgewinn oder strategische Positionen – es ging auch um die Rettung eines unwiederbringlichen europäischen Kulturguts.

Ein „Lost Place“ voller Stille: Die Ruinen von Rosendorf (Růžov)

Versteckt in der Nähe von Bělá nad Radbuzou (Weißensulz) im Pilsener Böhmerwald liegt ein Ort, der heute vor allem Fotografen und Geschichtsinteressierte anzieht, die sogenannte „Lost Places“ suchen: das ehemalige Dorf Rosendorf, tschechisch Růžov. Einst im 18. Jahrhundert gegründet, war es eine kleine Siedlung am Waldrand, deren Bewohner hart arbeiteten und im Einklang mit den rauen Bedingungen der Natur lebten.

Topografische Wanderkarte der Umgebung von Bělá nad Radbuzou im Pilsener Böhmerwald. Ein rotes Kreuz markiert den Standort des ehemaligen Dorfes Rosendorf (Růžov).

Heute sieht man von Rosendorf nicht mehr viel. Wer hierherkommt, findet überwiegend überwucherte Grundmauern, alte Kellergewölbe und von der Natur zurückeroberte Strukturen. Es ist ein Ort der absoluten Ruhe, ein Platz, der zur Achtsamkeit zwingt. Man steht mitten im Wald, die Zivilisation scheint weit weg zu sein, obwohl paradoxerweise genau hier der europäische Fernradweg vorbeiführt, der Paris mit Prag verbindet. Dieser autofreie, von dichten Mischwäldern gesäumte Weg ist ein Symbol des modernen, friedlichen Europas. Doch genau an diesem beschaulichen Ort kreuzten sich im April 1945 die Wege der Weltgeschichte auf dramatische Weise.

Operation Cowboy: Die spektakuläre Rettung der Lipizzaner

Um zu verstehen, was in Rosendorf geschah, müssen wir einen Blick auf das nahegelegene Hostouň (Hostau) werfen. Dort befand sich während des Krieges ein Gestüt, auf dem die Nationalsozialisten hunderte wertvolle Pferde zusammengezogen hatten. Darunter befanden sich auch die weltberühmten weißen Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule aus Wien, die man dorthin evakuiert hatte, um sie vor Luftangriffen zu schützen.

Ein Ort von historischer Bedeutung für das kulturelle Erbe Europas

Als Ende April 1945 die Front immer näher rückte, wuchs die Sorge um die edlen Tiere. Die heranrückende Rote Armee stand kurz vor Hostouň. Die Angst war groß, dass die hungernden sowjetischen Soldaten die wertvollen Zuchtpferde kurzerhand als Fleischrationen schlachten würden. In einem bemerkenswerten Akt der Zusammenarbeit über die Feindeslinien hinweg kontaktierten deutsche Tierärzte des Gestüts die in der Nähe stehenden US-Truppen und baten um die Evakuierung der Pferde.

Die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule sind weit mehr als nur edle Pferde; sie sind ein lebendiges Stück europäischer Geschichte und Tradition. Dass in den letzten, chaotischen Tagen eines verheerenden Krieges ehemalige Feinde kooperierten, um genau dieses Erbe vor der sinnlosen Vernichtung zu bewahren, verleiht den Ereignissen eine tiefe menschliche Dimension. Es zeigt, dass selbst in dunkelsten Zeiten der Respekt vor der Kultur und dem Leben überdauern kann. Genau dieser Umstand macht die stillen Wälder rund um Rosendorf und Hostouň zu einem Denkmal der europäischen Historie.

US-General Patton, selbst ein passionierter Reiter, und Colonel Charles H. Reed erkannten die historische Bedeutung dieser Tiere. Sie gaben grünes Licht für eine ebenso waghalsige wie einmalige Mission: Die Operation Cowboy. Die 42. Kavallerie-Aufklärungseskadron (42nd Cavalry Reconnaissance Squadron) der US-Armee bekam den Auftrag, tief in das noch von der Wehrmacht und SS-Einheiten kontrollierte Gebiet vorzustoßen, das Gestüt zu sichern und die Pferde hinter die amerikanischen Linien zu treiben.

Der Preis der Freiheit: Ein trauriges Gefecht kurz vor dem Frieden

Die Operation war ein logistisches und militärisches Wagnis. Am 28. April 1945 gelang es den amerikanischen Einheiten tatsächlich, das Gestüt weitgehend kampflos einzunehmen. Doch der Weg zur endgültigen Sicherung war noch nicht frei.

Genau hier, an jenem stillen Ort Rosendorf, kam es am 30. April 1945 zu einem tragischen Zwischenfall. Eine amerikanische Aufklärungseinheit geriet im Bereich des Dorfes in einen Hinterhalt von deutschen SS-Einheiten. In einem mehrstündigen, heftigen Feuergefecht inmitten der dichten Wälder starben zwei junge US-Soldaten: Der erst 19-jährige Private First Class Raymond E. Manz und der 28-jährige Technician Fifth Grade Owen C. Sutton (der am Folgetag seinen schweren Verletzungen erlag).

Nahaufnahme der zweisprachigen Gedenktafel für die gefallenen US-Soldaten der Operation Cowboy an einem moosbewachsenen Felsen im ehemaligen Rosendorf.
Stille Erinnerung im Wald: Diese Tafel bei den Ruinen von Rosendorf ehrt die US-Soldaten Raymond E. Manz und Owen W. Sutton, die hier 1945 ihr Leben ließen.

Es ist eine zutiefst bedrückende Erkenntnis, wenn man heute an den moosbedeckten Steinen in Rosendorf steht. Diese beiden jungen Männer verloren ihr Leben Tausende Kilometer fernab ihrer Heimat, um ein fremdes Land zu befreien und dabei zu helfen, eine Herde wehrloser Pferde vor der Vernichtung zu bewahren – und das nur wenige Tage, bevor die Waffen in Europa endgültig schwiegen.

Letztendlich war die Operation Cowboy ein voller Erfolg. Die Amerikaner konnten die Angreifer zurückdrängen und die Pferde – teilweise geritten, teilweise in Herden getrieben – sicher nach Bayern evakuieren, bevor sowjetische Panzer in Hostouň eintrafen.

Lebendige Geschichte: Gedenken in Bělá nad Radbuzou

Die Region im Pilsener Böhmerwald hat diese Ereignisse nie vergessen. Wer die Gegend am ersten Maiwochenende besucht, wird Zeuge einer bemerkenswerten Erinnerungskultur. Tschechisch-amerikanische Gedenkvereine veranstalten jedes Jahr würdevolle Zusammenkünfte.

An diesen Tagen scheint die Zeit ein Stück weit zurückgedreht zu werden. Man sieht historische Militärfahrzeuge, detailgetreue Camps und Menschen in den Uniformen der damaligen Zeit. Dies ist kein kriegsverherrlichendes Spektakel, sondern ein tief empfundenes „Dankeschön“ an diejenigen, die die Freiheit in die Region brachten.

Großes Steindenkmal in Bělá nad Radbuzou mit Blumenkränzen, Pferderelief und Inschriften zu Ehren der gefallenen US-Soldaten der Operation Cowboy.
Zentrale Gedenkstätte in Bělá nad Radbuzou: Dieses Denkmal im Ortskern erinnert mit einem Pferderelief an die geretteten Lipizzaner und ehrt die gefallenen US-Soldaten Manz und Sutton.

Sowohl im Wald bei den Ruinen von Rosendorf als auch im Ort Bělá nad Radbuzou selbst gibt es Gedenksteine. Der Stein in Bělá zeigt ein Relief von rennenden Pferden und trägt die Namen der beiden gefallenen US-Soldaten Manz und Sutton. Er dient als ständige Erinnerung daran, dass Frieden und Freiheit oft einen unermesslichen Preis hatten.

Der Pilsener Böhmerwald: Natur, Stille und Geschichte vereint

Wer mit offenen Augen durch diese Landschaft geht, erkennt schnell: Der Pilsener Böhmerwald ist ein Ort mit Charakter. Wenn du auf dem Fernradweg fährst oder zu Fuß durch den Mischwald wanderst, bist du umgeben von einer Natur, die sich ihre Räume gnadenlos zurückerobert, aber die Geschichte respektvoll in sich aufnimmt.

Diese Region lädt dazu ein, innezuhalten. Sich vorzustellen, wie das Klappern von hunderten Pferdehufen einst durch genau diese Täler hallte. Es ist eine Gegend, die zeigt, dass echte Abenteuer und tiefgründige Geschichten oft nicht an den überfüllten Touristen-Hotspots zu finden sind, sondern dort, wo die Stille am lautesten ist. Wer sich die Zeit nimmt, hinter die Kulissen zu blicken, findet im Böhmerwald keine bloße Kulisse, sondern eine Region, die bis heute von der Kraft der Geschichte und der Resilienz der Natur erzählt.

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