Ein Sonnenaufgang über den Hügeln des Böhmerwaldes
Person sitzt achtsam in der Natur und betrachtet bewusst ihr Smartphone

Wissen war noch nie so leicht – und wurde noch nie so konsequent verweigert

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Tagebucheintrag 04.06.2025

Heute habe ich mich beim Lesen eines Kommentars in einem Nachrichtenportal gefragt:
Warum wissen so viele Menschen so wenig – obwohl sie doch alles wissen könnten?

Noch nie war der Zugang zu Wissen so einfach wie heute.
Wir tragen ein digitales Lexikon in der Hosentasche.
Wir können fast jede Aussage, jede Statistik, jedes Zitat mit wenigen Klicks prüfen.
Und doch scheint es, als würde das bewusste Wegsehen zum neuen Volkssport.

Früher konnte man sagen:

„Ich habe es nicht gewusst.“
Heute müsste man ehrlicher sein und sagen:
„Ich wollte es nicht wissen.“

Nichtwissen ist längst keine Folge von Unzugänglichkeit mehr.
Es ist eine bewusste Entscheidung geworden – oft unbewusst getroffen, aber dennoch aktiv.
Vielleicht aus Bequemlichkeit. Vielleicht aus Angst. Vielleicht aus Überforderung.

Aber gerade in einer Zeit, in der Informationen so leicht zugänglich sind, bekommt das Wegsehen eine neue Bedeutung. Es ist nicht mehr bloß Unwissen – es ist Verantwortungsvermeidung.

Achtsamkeit bedeutet für mich nicht nur, im Moment zu sein.
Sie bedeutet auch, wahrzunehmen, was ich nicht wahrnehmen will.
Nicht nur innerlich, sondern auch im Außen.
Welche Themen überlese ich? Welche Stimmen ignoriere ich, weil sie unbequem sind?
Welche Fragen verdränge ich, obwohl ich spüre, dass sie mich etwas angehen?

Ein kleines Beispiel:
Wenn ich einen Artikel lese, der mir nicht gefällt – scrolle ich dann gleich weiter? Oder halte ich inne und frage mich: Warum stößt mich das ab? Liegt es am Ton? Oder an der Wahrheit, die ich vielleicht nicht hören will?

Achtsamkeit beginnt nicht beim Meditieren.
Sie beginnt beim Hinschauen, beim Zuhören, beim Innehalten.
Beim Erkennen, dass Wissen nicht nur ein technischer Zugriff ist –
sondern eine innere Haltung.

Ich habe heute für mich beschlossen:
Ich möchte bewusster mit Informationen umgehen.
Nicht alles sofort glauben – aber auch nicht alles reflexartig ablehnen.
Mir täglich fünf Minuten nehmen, um eine Quelle bewusst zu hinterfragen.
Nicht, um recht zu haben – sondern um nicht unachtsam zu bleiben.

Denn Wissen war nie leichter zu finden –
aber vielleicht war es noch nie so schwer, sich selbst ehrlich damit zu konfrontieren.

Und genau darin liegt für mich eine neue Form von Achtsamkeit.


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