Ein Sonnenaufgang über den Hügeln des Böhmerwaldes
Vater und Kind im Sonnenuntergang, Hand in Hand – Symbol für gemeinsame Zeit und Erinnerung.

Zeit verschenkt man nicht – man schenkt sich

Guten Morgen und willkommen zu unserem Sonntagsfrühstück! Es ist der 1. Juni 2025. Ich lade dich wie jeden Sonntag um 7 Uhr ein, mit einer Tasse Kaffee oder Tee innezuhalten – und dich auf einen Gedanken einzulassen, der nachwirkt. Nehmen wir uns die Zeit, um über Zeit nachzudenken.

Diese Woche habe ich einen Satz bei X gelesen, über den ich länger nachgedacht habe:
„Die einzigen Menschen, die sich auch nach Jahren noch daran erinnern, dass du ständig länger in der Firma warst, um Überstunden zu machen, sind deine Kinder.“

Zuerst musste ich schlucken. Dann wurde es still in mir. Denn da ist Wahrheit drin. Tiefer, als man im Alltag oft zulässt.

Wir leben in einer Welt, in der Leistung zählt. In der Überstunden als Fleiß gelten, nicht als Warnsignal. In der Kalender voll sind – aber die Herzen leer. Und oft merken wir zu spät, wem wir unsere Zeit eigentlich gegeben haben. Der Firma? Dem Projekt? Der To-do-Liste?

Und während die Firma dich vielleicht irgendwann ersetzt, während der Chef längst weitergezogen ist,
während dein Projekt vergessen ist – sind da Menschen, die dich nie ersetzt haben wollen:
Deine Kinder. Deine Partnerin. Deine Freunde. Du selbst.

Achtsamkeit bedeutet auch: zu fragen, wem du dich eigentlich schenkst.

Zeit ist keine „Ressource“. Sie ist dein Leben. Und alles, was du tust, schreibst du damit in die Erinnerung anderer.

  • Nicht in Lebensläufe, sondern in Herzensläufe.
  • Nicht in Erfolge, sondern in Beziehungen.
  • Nicht der Kontostand ist der Erfolg im Leben.

Deinem Kind ist es egal, wie viel Geld du besitzt. Am Ende ist die Zeit mit ihm wichtig. Was nutzt das Geld, wenn das Kind dich vermisst?

Ich habe dazu vor vielen Jahren eine Geschichte gelesen. Diese ist mir nie so wirklich aus dem Kopf gegangen:

Ein Junge wartet ungeduldig darauf, dass sein Vater von der Arbeit nach Hause kommt.
Er spielt nicht, er tobt nicht – er wartet einfach. Als der Vater endlich nach Hause kommt, müde, genervt, fragt ihn der Junge:

„Papa, darf ich dich was fragen?“
Der Vater nickt.
„Wie viel verdienst du in einer Stunde?“

Der Vater schaut überrascht, dann gereizt.
„Warum willst Du das wissen? Warum fragst du?“
Doch der Junge bleibt ruhig.
„Bitte sag’s mir. Ich will es wissen.“

Der Vater seufzt.
„Na gut. Ich verdiene 50 Euro in der Stunde.“

Der Junge geht in sein Zimmer, schlachtet sein Sparschwein, zählt die Münzen. 40 Euro hat er gespart. Er überlegt, ist traurig. Er geht zu seinem Vater und fragt:
„Papa, kannst du mir 10 Euro leihen?“

Jetzt wird der Vater wütend.
„Ist das der Grund für deine Frage? Willst du dir ein Spielzeug kaufen? Wozu brauchst du das Geld? Du bekommst Taschengeld. Ich arbeite hart, damit du was zu essen hast und ein Dach über dem Kopf – und du willst Geld verschwenden?“
Er steht auf, verlässt den Raum.

Später, als der Zorn verraucht ist, denkt er nach. Vielleicht war er zu hart. Vielleicht steckt mehr dahinter.
Er geht ins Zimmer seines Sohnes, legt die 10 Euro auf den Tisch.
„Hier. Aber nur, wenn du was Vernünftiges damit machst.“

Der Junge lächelt. Er greift unter sein Kissen, zieht sorgfältig gefaltete Scheine hervor – insgesamt 40 Euro, sein ganzes Erspartes. Er legt alles zusammen, reicht es dem Vater und sagt leise:

„Jetzt habe ich 50 Euro. Kann ich eine Stunde deiner Zeit kaufen?“

Ich erzähle die Geschichte gerne. Häufig höre ich warum Menschen mehr arbeiten müssen. Sei es „der Erfolg“, sei es um die Lebenshaltungskosten zu decken. Hier stelle ich dann immer die Frage, warum man mehr arbeitet, um sich dann mehr Konsum zu leisten? Konsum: Bewusst weniger kaufen, mehr leben

In meinem Beitrag „Selbstversorgung in der Stadt“ habe ich Möglichkeiten aufgezeigt, wie man unabhängig von hochverarbeiteten Lebensmitteln leben kann. Man spart dabei Geld, welches man nicht verdienen muss. Und gewinnt dabei Lebenszeit, welche man mit z. B. seinen Kindern verbringen kann. Kinder brauchen nicht immer das Animationsprogramm. Sie wollen häufig nur dabei sein, sich beteiligen.

Ich stelle die Frage:

Vielleicht ist Erfolg gar nicht, wenn dich der Chef vermisst?
Vielleicht ist Erfolg, wenn deine Kinder sagen:
„Ich erinnere mich, du warst da.“

Am Ende des Tages ist man irgendwann nicht mehr in der Firma. Und meist sehr schnell vergessen. Ist es wirklich der Erfolg, wenn man „Jemand“ in der Firma ist? Dreht sich bei vielen Menschen das Leben nicht zu viel um ihren „Posten“ in der Firma? Man sollte sich immer bewusst sein, dass es dem Rest der Welt egal ist, was man in der Firma „ist“.

Ich habe es schon häufiger erlebt, dass selbst im Urlaub sich Leute etwas auf ihren „Gruppenleiter“ einbilden. Etwas darstellen wollen, wo es nichts zum darstellen gibt. Kinder bewerten ihre Eltern nicht nach der Ausbildung. Ich kenne Kinder, die haben tolle Beziehungen zu ihrem Vater, der nur „Hilfsarbeiter“ ist. Und ich kenne Kinder, die haben keine Beziehung zu ihrem Vater, der „Akademiker“ und ein „hohes Tier“ ist. Im Zweifel entscheidet nicht die Höhe des Taschengeldes oder die Entfernung des Urlaubsortes. Im Zweifel entscheidet, ob das Kind eine gute Beziehung zu seinem Vater hat.

Mini-Übung für dein Sonntagsfrühstück:

Nimm deine Tasse in die Hand. Spür die Wärme. Atme tief ein.
Stell dir vor, du bist 85 Jahre alt – und blickst zurück.
Was waren die Momente, in denen du wirklich da warst?
Welche Erinnerungen möchtest du hinterlassen?
Und wem willst du heute Zeit schenken?

Ein Gedanke zum Mitnehmen:

Was du heute tust, wird morgen Erinnerung sein. Achte darauf, dass sie warm ist.