Eine Feldrandnotiz über Auswanderungsträume zwischen Patriotismus, Palmen und polnischer Pünktlichkeit.
Es fängt immer mit einer einfachen Frage an. In diesem Fall: „Wenn du dir aussuchen könntest, wo würdest du leben?“
Keine geopolitische Analyse, kein Mietspiegelvergleich, einfach nur eine spontane Antwort auf X (vormals Twitter).
Und was dann kam, war ein kleines Mosaik aus Sehnsüchten, Wünschen, Realitätsfluchten und Humor – von Kaufland bis Kaukasus, von Legoland bis Litauen.
Zwischen den Spaßantworten tauchten aber erstaunlich klare Muster auf.
So klar, dass man fast sagen könnte: Aus dieser Kommentarspalte lässt sich eine kleine Landkarte der deutschen Auswanderungssehnsucht zeichnen.
Natürlich darf man die Antwort „Kaufland“ nicht allzu wörtlich nehmen. Genauso wenig wie „Taka-Tuka-Land“ oder „Entenhausen“.
Das sind die Salzkrümel in der Suppe, die eine solche Sammlung erst lesbar machen.
Aber abseits dieser Gags zeigt sich: Viele Menschen wissen sehr genau, wohin sie im Zweifel gehen würden.
Und noch wichtiger: Man kann erkennen, warum sie genau dort landen.
Schauen wir uns die nackten Zahlen an
Polen führt die Liste mit sieben Nennungen klar an.
Danach folgen Italien, Ungarn und Deutschland (ja, Bleiber sind auch ein Faktor) mit je vier Nennungen.
USA, Paraguay und Portugal teilen sich den dritten Platz mit drei Nennungen.
Der Rest verteilt sich auf eine bunte Mischung – von den Niederlanden über Thailand und Georgien bis zu Australien.
Was auffällt: Osteuropa und Südeuropa dominieren klar, exotische Fernziele sind eher eine romantische Randerscheinung.
Die nackten Zahlen – und was sie verraten
- Polen – 7×
- Italien – 4×
- Ungarn – 4×
- Deutschland (Bleiber) – 4×
- USA – 3×
- Paraguay – 3×
- Portugal – 3×
Der Rest verteilt sich auf Länder von den Niederlanden bis Australien.
Schon auf den ersten Blick erkennt man zwei klare Trends:
Osteuropa und Südeuropa sind die großen Gewinner.
Fernziele tauchen zwar auf, aber eher als exotische Option – nicht als Massenbewegung.
Osteuropa und Mitteleuropa sind der neue Westen
Polen, Ungarn, Kroatien, Tschechien, Slowenien – hier steckt eine Mischung aus kultureller Nähe, politischer Stabilität (aus Sicht vieler Kommentatoren) und günstigeren Lebenshaltungskosten.
Viele verbinden mit diesen Ländern ein traditionelleres Gesellschaftsbild, weniger bürokratische Gängelung und ein Sicherheitsgefühl, das sie in Deutschland verloren sehen.
Manch einer formulierte es so: „In Polen fühle ich mich als Frau ziemlich sicher. Es wird immer Ausnahmen geben, aber Deutschland ist verloren.“
Klingt hart, ist aber symptomatisch für eine Wahrnehmung, die man im deutschsprachigen Raum immer öfter hört.
Und ja, hier darf ein bisschen Satire rein: „Hier kann man noch einen Holzofen anschließen, ohne dass das Umweltministerium die CO₂-Gefühle verletzt bekommt.“
Südeuropa hingegen lockt mit Dolce Vita – und dem einen oder anderen Papierstapel auf dem Amt.
Italien, Portugal, Spanien und Frankreich rufen Bilder von Weinbergen, Meerblicken und langsameren Tagen hervor.
Wer jemals in einem kleinen italienischen Dorf übernachtet hat, kennt den Klang der Espresso-Tassen am Morgen und das klappernde Besteck beim Abendessen vor der Haustür.
Aber: Die gleiche Langsamkeit, die am Sonntagmorgen so charmant ist, kann am Montagvormittag beim Bauantrag nerven.
Satirisch könnte man sagen: „Wer in Italien ein Haus kauft, lernt drei Dinge: Geduld, Espresso und wie man einen Anwalt duzt.“
Dann gibt es die Steuer- und Freiheitsinseln – Paraguay, Georgien, VAE.
Hotspots für jene, die weniger Steuern zahlen und mehr Eigenverantwortung leben wollen.
Paraguay steht für ein einfaches Leben mit viel Land und wenig Papierkram, Georgien punktet mit niedrigen Abgaben und hoher Gastfreundschaft, die VAE mit Infrastruktur und einem Steuerklima, das so mancher Finanzminister als zu luftig empfinden würde.
Hier gibt es nur zwei Jahreszeiten: warm und sehr warm – dafür keine Heizkostenabrechnung.
Aber natürlich auch Risiken: extreme Sommerhitze, andere Rechtssysteme, politische Abhängigkeiten.
Fernweh und Tropenträume sind die Kategorie für Herz und Postkarte
Thailand, Seychellen, Bali, Sri Lanka, Australien – Orte, an denen die Palmen höher sind als der nächste Kirchturm.
Das Bild ist verlockend: morgens frische Mangos vom Markt, nachmittags ins warme Meer.
Doch die Realität hat einen Haken: Die Familie ist weit weg, der Flug zum TÜV-Termin dauert 12 Stunden, und Visa lassen sich nicht immer so leicht verlängern wie der Strandurlaub.
„Billiges Bier gibt’s hier, aber auch 12-Stunden-Flüge zurück zum TÜV-Termin“ – so lässt sich der Traum mit einem Augenzwinkern erden.
Nordamerika bleibt der Klassiker
USA und Kanada – immer noch stark im Bewusstsein, oft mit der Vorstellung von Weite, Freiheit und Natur.
Wyoming tauchte als konkretes Ziel auf, Vancouver als „sehr schön“.
Das Bild vom Leben in den USA ist immer noch von Roadtrips, Ranches und endlosen Highways geprägt.
Satirisch lässt sich sagen: „Hier kann man den Truck starten und bis zur Haustür des nächsten Walmart fahren – ohne einmal zu lenken.“
Doch auch hier gilt: Steigende Lebenshaltungskosten und politische Spannungen dämpfen den Traum.
Heimatliebe – Die Bleiber
Und dann gibt es noch die Heimatliebenden – Menschen, die bewusst sagen: „Deutschland, sonst nix.“
Manche nennen es Patriotismus, andere schlicht Zufriedenheit.
Oft steckt dahinter die Bindung an Familie, Sprache, Kultur – und das Wissen um die kleinen Dinge, die im Ausland fehlen.
„Weil der Nachbar weiß, wie man die Mülltonne richtig an die Straße stellt“, könnte man es pointiert ausdrücken.
Bleiben ist eben auch eine Entscheidung – und in dieser Debatte eine, die genauso wichtig ist wie das Gehen.
Psychologisch lässt sich das in zwei Hauptbewegungen unterteilen: „Weg von“ und „Hin zu“.
„Weg von“ beschreibt Menschen, die vor etwas fliehen – sei es Politik, Kriminalität, Kosten.
„Hin zu“ beschreibt jene, die sich gezielt von einem Ort angezogen fühlen – sei es das Klima, eine Kultur, wirtschaftliche Chancen.
Die meisten Kommentare enthalten beides, oft unbewusst.
Polen wird nicht nur wegen der Nähe und Preise genannt, sondern auch, weil man von der aktuellen deutschen Politik weg möchte.
Italien nicht nur wegen Sonne und Essen, sondern auch, weil das Leben dort gefühlt weniger hektisch ist.
Medien spielen in diesem Bild eine große Rolle
TV-Formate wie „Goodbye Deutschland“ erzählen seit Jahren die Auswanderung als Mischung aus Drama, Romantik und kulinarischem Abenteuer.
Immer mit einer Kamerafahrt auf den leergeräumten Kühlschrank und der Stimme aus dem Off: „Die ersten Wochen im Paradies sind schwer.“
Was dabei selten gezeigt wird: die bürokratische Mühle, die Integration, das echte Leben abseits der Postkartenmotive.
Social Media tut ihr Übriges: Instagram zeigt Sonnenuntergänge, aber keine Steuerformulare.
Am Ende entsteht ein Bild, das gleichzeitig ernst und unterhaltsam ist.
Ernst, weil es reale Wünsche, Ängste und Überzeugungen zeigt.
Unterhaltsam, weil es zwischen den ernsthaften Antworten auch immer wieder kleine Perlen wie „Legoland“ oder „Ostfriesland, genau in Pogum“ gibt.
Diese Antworten sind wie das Augenzwinkern in einer ernsten Debatte – ein Reminder, dass Humor ein wichtiges Auswanderungsgepäckstück ist.
Fasst man alles zusammen, zeigt sich: Europa dominiert die Gedankenwelt, vor allem Osteuropa.
Südeuropa bleibt der Traum vom guten Leben, exotische Fernziele sind eher der große Urlaub als der dauerhafte Wohnort.
Nordamerika ist nicht mehr das Maß aller Dinge, Südamerika wächst als Nische für Freiheitssucher.
Und Deutschland? Bleibt für viele der Ort, den sie trotz allem nicht verlassen wollen.
Von Kaufland bis Kaukasus ist also nicht nur ein Wortspiel
Europa, besonders Osteuropa, liegt klar vorne.
Südeuropa bleibt der Inbegriff von Lebensqualität, exotische Ziele sind eher Fernweh als Massenbewegung.
Nordamerika verliert etwas an Glanz, Südamerika ist eine Nische für Freiheitssucher.
Deutschland bleibt für viele die erste Wahl – oder zumindest der Ort, an den man irgendwann zurückkehrt.
Es ist ein Abbild davon, wie unterschiedlich Menschen ihre Zukunft sehen – und wie sehr diese Vorstellungen vom eigenen Weltbild geprägt sind.
Wer sich aufmacht, sollte wissen: Das Land allein macht nicht glücklich.
Wichtiger ist, wie man dort lebt, mit wem man lebt und ob man sich willkommen fühlt.
Egal, ob Pogum oder Paraguay – entscheidend ist, ob jemand den Grill anschmeißt, wenn man rüberwinkt.



Hinterlasse einen Kommentar