Ein Sonnenaufgang über den Hügeln des Böhmerwaldes
Die Grundlagen der Fermentation

Fermentation – unsichtbare Helfer zwischen Küche, Stall und Garten

Fermentation – das klingt für viele nach einem Nischenthema für Foodies, Biochemiker oder Hipster mit Kombucha im Regal. Tatsächlich aber ist Fermentation eines der ältesten und wichtigsten Werkzeuge der Menschheit. Ohne sie gäbe es kein Brot, kein Bier, keinen Joghurt – und auch keine Silage für Kühe im Winter. Sie sorgt dafür, dass Lebensmittel haltbar werden, dass Nährstoffe besser verfügbar sind, dass Aromen entstehen, die man auf andere Weise nicht hinbekommt. Fermentation ist die gezähmte Form des ständigen Umbaus, den Mikroorganismen ohnehin betreiben. Wer genau hinsieht, entdeckt sie nicht nur im Glas mit Sauerkraut, sondern auch im Kuhmagen, im Komposthaufen und letztlich in jedem lebendigen Boden.

Dieser Beitrag ist kein Rezeptheft, sondern eine Grundsatzbetrachtung. Er erklärt, was Fermentation ist, welche Mikroben daran beteiligt sind, welche chemischen Prozesse ablaufen, wo sie uns im Alltag begegnet – und warum sie für Ernährung, Tierhaltung, Bodenfruchtbarkeit und letztlich für Nachhaltigkeit unverzichtbar ist. Am Ende wird klar: Fermentation ist kein Spezialgebiet, sondern ein Weltprinzip.

Warum Fermentation überall ist

Wenn man es herunterbricht, ist Fermentation nichts anderes als gezähmtes Mikroleben. Mikroorganismen wandeln Kohlenhydrate, Proteine und Fette in organische Säuren, Alkohol, Gase und Aromastoffe um. Das klingt abstrakt, ist aber der Grund, warum Sauerkraut den Winter übersteht, Sauerteigbrot besser verdaulich ist, Joghurt bekömmlicher schmeckt, Kühe auch im Januar Milch geben können – und warum ein Komposthaufen Wärme entwickelt. Überall, wo etwas vergärt, arbeitet ein Heer unsichtbarer Mikroben. Sie bauen um, sie konservieren, sie schaffen Aroma und Stabilität. Fermentation ist also weniger eine Küchentechnik, sondern vielmehr ein Grundprinzip des Lebens. Warum:

  • Gemüse Monate übersteht (Sauerkraut),
  • Getreide bekömmliches Brot wird (Sauerteig),
  • Milch zu Joghurt und Käse reift,
  • Futterpflanzen als Silage konserviert werden,
  • Biomasse zu Humus wird (Kompostprozesse),
  • und warum unser Darm mitarbeitet (Mikrobiom, kurz fermentierbare Substrate).

Fermentation, Beizen, Reifung, Fäulnis – was ist was?

Oft wird der Begriff Fermentation ungenau verwendet. Nicht alles, was sauer schmeckt, ist wirklich fermentiert. Beim Beizen oder Einlegen etwa wird Gemüse einfach in Essig oder Salzlake konserviert, ohne dass Mikroben große Arbeit leisten. Auch Reifung ist etwas anderes: Käse oder Schinken verändern sich durch Enzyme und langsame Prozesse, die nicht unbedingt klassische Fermentation sind. Und dann gibt es die Fäulnis – den unkontrollierten Proteinabbau, der unschön riecht und den wir vermeiden wollen. Der Unterschied ist entscheidend: Fermentation ist gelenkte Zersetzung. Wir stellen die Rahmenbedingungen, die „gute“ Mikroben bevorzugen und die „schlechten“ ausbremsen.

  • Fermentation: Stoffwechsel von Mikroorganismen unter kontrollierten Bedingungen. Ergebnis: pH‑Senkung (Milchsäure/Essigsäure), CO₂/Alkohol, Aromen. Beispiel: Sauerkraut, Sauerteig, Silage, Wein, Joghurt.
  • Beizen/Einlegen: Haltbarmachen durch Zugabe von Säure (z. B. Essig) oder Salz/Zucker – ohne mikrobielle Aktivität als Hauptmotor. Schmeckt, ist aber keine Fermentation.
  • Reifung: Enzymatische Veränderungen (auch mikrobielle) nach der eigentlichen Gärung. Beispiel: Käse- und Wurstreifung (Proteolyse, Lipolyse), Sauerteigaromen im Brot.
  • Fäulnis: Unkontrollierte, oft proteinabbauende Prozesse mit unangenehmen Gerüchen (Aminen, Schwefelverbindungen). Das ist das, was wir vermeiden.

Die Naturgesetze der Gärung

Damit Fermentation gelingt, braucht es ein paar Stellschrauben. Wasser ist die Grundlage, Salz reguliert das Mikroleben, der pH‑Wert entscheidet über Sicherheit. Unterhalb von 4,6 haben gefährliche Keime wie Clostridium botulinum keine Chance – darum peilen wir bei Gemüsefermenten Werte zwischen 3,5 und 4,2 an. Sauerstoff ist ebenfalls ein Schlüssel: Ohne ihn entstehen Milchsäure oder Alkohol, mit ihm Essig oder Kompostwärme. Temperatur bestimmt das Tempo: Bei 18 bis 22 Grad arbeiten Milchsäurebakterien an Gemüse besonders zuverlässig, Joghurt braucht eher 40 Grad, und im Kuhmagen sind es rund 39. Zeit schließlich bringt Aroma. Erst Vorstufenbakterien, dann stabile Lactobacillen – erst Zucker, dann Säuren, dann Reifung. Fermentation ist immer ein Zusammenspiel dieser Faktoren.

  • Wasseraktivität (aw) – Mikroorganismen brauchen verfügbares Wasser. Salz/Zucker senken aw und bremsen Unerwünschtes.
  • pH‑Wert – Die wichtigste Sicherheitsbarriere.
    – Gemüsefermente landen ideal bei pH 3,5–4,2 (unter 4,6 gilt als sicher gegen Clostridium botulinum).
    – Joghurt typischerweise pH 4–4,5, Kombucha pH 2,5–3,5.
  • Salz – Schiebt die Mikrobiologie in die richtige Richtung.
    – Schnittgemüse bewährt: 1,8–2,2 % Salz bezogen auf das Gemüsegewicht.
    – Ganze Stücke/Lake: 2–3 % (Gurken eher oben).
  • Sauerstoff – Weichenstellung:
    Anaerob (ohne O₂): Milchsäure- oder alkoholische Gärung.
    Aerob (mit O₂): Essigsäurebildung, Kompostierung, Nachreife – aber auch Aerobier‑Schimmel, wenn ungewollt.
  • Temperatur – Regler für Tempo & Profil:
    – Viele Gemüsefermente: 18–22 °C optimal (zu warm → weich/matschig, zu kalt → sehr langsam).
    – Milchsäurejoghurt (thermophil): 42–45 °C; Dickmilch (mesophil): 28–32 °C.
    – Silage: Pflanzenmasse erwärmt sich kurz aerob, Ziel ist rascher Übergang in anaerobe Milchsäurephase.
  • Zeit – Geschmack entsteht im Verlauf: erst Vorstufen (z. B. Leuconostoc), dann stabilere Lactobacillus‑Dominanz; bei Essigen erst Alkohol, dann Säure.

Hürdenprinzip (Hurdle Technology)pH, Salz, aw, Temperatur, Zeit wirken zusammen. Keine einzelne Maßnahme ist Zauberei; die Kombination macht’s sicher.

Wenn es im Bauch weitergärt, hier im Beitrag zeige ich auf warum und bringe die Lösung: Gluten und Weizen

Wer da eigentlich arbeitet

Die wichtigsten Akteure heißen Milchsäurebakterien. Arten wie Lactobacillus plantarum oder Leuconostoc verwandeln Zucker in Milchsäure und sorgen für den sicheren pH‑Fall. Hefen wie Saccharomyces cerevisiae produzieren Alkohol und Kohlendioxid – damit Brot aufgeht und Wein sprudelt. Essigsäurebakterien verwandeln Alkohol in Essig, allerdings nur mit Sauerstoff. In Silage und im Pansen der Kuh tauchen auch Clostridien auf – dort, wo es zu feucht oder zu wenig sauer ist, führen sie zu Buttersäure und Fehlgärungen. Schimmelpilze können nützlich sein (Blauschimmelkäse, Koji für Miso) oder gefährlich, wenn sie sich unkontrolliert breitmachen. Jede Gruppe hat ihre Rolle, und wer die Regeln kennt, kann sie lenken.

  • Milchsäurebakterien (LAB) – u. a. Lactiplantibacillus plantarum (ehem. L. plantarum), Leuconostoc, Pediococcus, Lactococcus. Produkte: Milchsäure (homofermentativ fast nur Laktat; heterofermentativ zusätzlich CO₂, Ethanol/Essigsäure), Vitaminvorstufen, Aromaester.
  • Hefen – v. a. Saccharomyces cerevisiae, aber auch Candida, Pichia u. a. Produkte: Ethanol, CO₂, höhere Alkohole, Ester (Aroma). Wichtig bei Brot, Wein, Bier, Kakao, Kaffee.
  • EssigsäurebakterienAcetobacter, Komagataeibacter u. a. Oxidieren Ethanol → Essigsäure unter Sauerstoff. Basis für Essig und einen Teil der Kombucha‑Säure.
  • Sporenbildner / Clostridien – Unter Sauerstoffmangel und zu hohem pH (oder zu viel Wasser) können Buttersäuregärungen auslösen (ranzig, „stallig“). In Silage und feuchten Fermenten unerwünscht.
  • Schimmelpilze – je nach Kontext nützlich (Koji: Aspergillus oryzae; Blauschimmelkäse: Penicillium roqueforti) oder unerwünscht (Tischschimmel).
  • Bacillus – z. B. Bacillus subtilis bei Natto (Proteinabbau, Ammoniakgeruch, Fäden – gewollt!).

Vom Zucker zur Säure – ein Blick in die Chemie

Im Kern geht es immer um Energie. Glukose wird in den Zellen über die Glykolyse zu Pyruvat abgebaut. Was dann geschieht, hängt von den Mikroben ab. Milchsäurebakterien wandeln Pyruvat direkt zu Milchsäure, entweder fast ausschließlich (homofermentativ) oder gemischt mit CO₂, Alkohol und Essigsäure (heterofermentativ). Hefen nehmen einen anderen Weg: Sie spalten Pyruvat in Ethanol und CO₂ – Brot und Bier wären ohne das undenkbar. Essigsäurebakterien brauchen Sauerstoff und machen aus Ethanol Essigsäure. Und wo Proteine oder Fette zersetzt werden, entstehen Aminosäuren, freie Fettsäuren und Umami‑Aromen. Die Chemie liefert also die Sprache, die Mikroben sprechen – und die wir als Geschmack, Haltbarkeit oder sogar Wärme im Kompost wahrnehmen.

Glykolyse (Embden‑Meyerhof): Glukose → 2× Pyruvat + ATP + NADH.

Milchsäuregärung

  • Homofermentativ: Pyruvat → Laktat (NADH wird zu NAD⁺ rückoxidiert). Stabil, pH sinkt rasch, gutes Sicherheitsprofil (Sauerkraut, Silage‑Stabilisierung).
  • Heterofermentativ: Ein Teil geht über Phosphoketolase‑Weg zu Laktat + CO₂ + Ethanol/Essigsäure. Mehr Aroma, etwas langsamere pH‑Senkung.

Alkoholische Gärung (Saccharomyces): Pyruvat → Acetaldehyd (CO₂ frei), dann → Ethanol (NAD⁺‑Regeneration). Brot (Trieb), Wein/Bier (Alkohol, CO₂).

Essigsäurebildung (Essigsäurebakterien, aerob): Ethanol → Acetaldehyd → Essigsäure. Redoxenergie wird über Atmungsketten genutzt; deshalb brauchen sie Sauerstoff.

Protein‑ & Fettabbau (Reifung): Mikrobielle Proteasen/Lipasen spalten Eiweiße/Fette zu Peptiden, Aminosäuren, freien Fettsäuren → Umami, Aromen. Übertreibung, falsche Mikrobiota oder Temperatur → Aminen (Histamin, Tyramin) und Fehlnoten.

pH‑Senkung als Schlüsselfolge: Milchsäure protoniert Zellprozesse unerwünschter Keime – sie fallen buchstäblich aus dem Takt. Deshalb ist die frühe pH‑Senkung (Gemüse, Silage) entscheidend.

Die Kuh als Bioreaktor

Fermentation passiert nicht nur im Glas, sondern auch im Tier. Kühe verdauen Zellulose nicht selbst – das übernehmen Mikroben in ihrem Pansen. Dort wird Gras zu flüchtigen Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat abgebaut, die Hauptenergiequelle der Kuh. Methanogene Mikroben wandeln dabei Wasserstoff und Kohlendioxid in Methan um – ein Energieloch für die Kuh, ein Klimagas für die Atmosphäre. Entscheidend ist der Pansen‑pH: Rund 6 bis 7 ist optimal. Zu viel leicht verdauliches Getreide senkt den pH und führt zu Azidose, zu viel Faser senkt die Leistung. Hier schließt sich der Kreis: Silage ist im Grunde Sauerkraut für Kühe, sorgt für gleichmäßige Energie im Winter und hält das Mikrobiom des Wiederkäuers stabil.

Ablauf kurz & knackig

  • Cellulolytische Bakterien zerlegen Faser (Zellulose/Hemicellulose) zu Zuckern.
  • Gärung im Pansen produziert flüchtige Fettsäuren (VFAs): Acetat, Propionat, Butyrat. Das ist die Hauptenergiequelle der Kuh (nicht Glukose!).
  • Methanogene Archaeen verwerten H₂ + CO₂ → CH₄ (Methan). Das hält die Gärung redox‑stabil, ist aber Energieverlust und klimarelevant.
  • Mikrobielle Biomasse wandert weiter und wird im Labmagen/Dünndarm verdaut → mikrobielles Protein (Aminosäuren).

Silage – konserviertes Grünfutter

Die Herstellung von Silage zeigt die Prinzipien der Fermentation in Reinform. Frisch geerntetes Gras oder Mais wird luftdicht eingelagert. In den ersten Stunden verbraucht das Pflanzenmaterial noch Sauerstoff, dann übernehmen Milchsäurebakterien. Der pH fällt auf etwa 3,8 bis 4,2, die Masse stabilisiert sich und bleibt monatelang haltbar. Wichtig ist das richtige Trockenmasse‑Fenster: Zu nass führt zu Sickersaft und Clostridien, zu trocken erschwert das Verdichten. Der Erfolg lässt sich am Geruch erkennen: Gute Silage riecht frisch‑säuerlich, schlechte buttersauer und faulig. So gesehen ist der Siloturm nichts anderes als ein riesiges Fermentationsgefäß.

Fermentation in Lebensmitteln weltweit

Ob Sauerkraut, Sauerteig, Joghurt, Käse, Salami, Miso, Tempeh, Kakao oder Kaffee – überall nutzen Menschen seit Jahrtausenden dieselben Prinzipien. Zucker wird gesenkt, pH stabilisiert, Aroma aufgebaut. Sogar Schokolade verdankt ihr Profil der Fermentation der Kakaobohnen im Fruchtbrei. Gleiches gilt für Kaffee. Weltweit lassen sich hunderte Beispiele finden, doch sie alle laufen auf dasselbe hinaus: Mikrobielles Umbauen verlängert die Haltbarkeit, verändert den Geschmack und erhöht oft auch die Bekömmlichkeit.

Lebensmittel‑Fermentationen im Überblick: Vom Kohl bis Kakao

Gemüse (Lacto‑Fermentation)

  • Substrat: Pflanzliche Zucker, Pektine.
  • Mikrobiota: LeuconostocLactobacillus.
  • Produkte: Milchsäure, CO₂, Aromen. Sicherheit über pH + Salz.

Getreide (Sauerteig, Bier)

  • Substrat: Stärke (→ Zucker durch Amylasen).
  • Mikrobiota: Hefen + LAB.
  • Produkte: CO₂ (Trieb), Alkohol (Bier), Säuren (Aroma, Bekömmlichkeit). Phytinsäure wird durch Phytasen abgebaut (Mineralstoffverfügbarkeit ↑).

Hier gibt es ein einfaches Brotrezept im Gusstopf. Gelingsicher und für jeden machbar.

Milch (Joghurt, Käse, Kefir)

  • Substrat: Laktose; Proteine (Casein).
  • Mikrobiota: Streptococcus/Lactobacillus; beim Kefir zusätzlich Hefen.
  • Produkte: Milchsäure (Gelierung), Diacetyl, Acetaldehyd (Aroma). Laktose ↓, pH ↓.

Wie Du Käse selbst herstellen kannst, habe ich hier zusammengefasst: Käse selbst herstellen

Fleisch/Wurst

  • Substrat: Proteine/Fette.
  • Mikrobiota: Milchsäurestarter (Pediococcus, Lactobacillus), Reifeschimmel (Penicillium nalgiovense).
  • Produkte: pH‑Senkung, bessere Haltbarkeit, charakteristische Aromen. (Nitrate/Nitrite sind technologische Sicherheit – getrenntes Thema.)

Hülsenfrüchte/Soja (Miso, Tempeh, Natto)

  • Substrat: Proteine/Stärke.
  • Mikrobiota: Koji (Aspergillus oryzae) liefert Enzyme; Rhizopus (Tempeh) bildet Myzel; Bacillus (Natto) spaltet Proteine.
  • Produkte: Umami, Abbau von Antinährstoffen, bessere Verdaulichkeit.

Kakao & Kaffee

  • Substrat: Fruchtzucker der Pulpe.
  • Mikrobiota: Hefen → LAB → Essigsäurebakterien in Sequenz.
  • Produkte: Vorstufen von Schokolade‑ und Kaffeearomen (Vorfermentation noch vor dem Rösten).

Getränke (Wein, Cidre, Bier, Kombucha)

  • Alkoholische Gärung durch Hefen; nachgelagerte Essigsäuregärung (Essig) oder Milchsäuregärung (malolaktisch im Wein). Kombucha: Hefen + Essigsäurebakterien im SCOBY.

Fermentation im Boden

Auch der Kompost ist letztlich eine Form gesteuerter Zersetzung. Nur läuft er aerob, also mit Sauerstoff. Die Wärme im Komposthaufen zeigt, wie aktiv die Mikroben sind. Während bei der klassischen Kompostierung vor allem CO₂ und Humusvorstufen entstehen, setzt das Bokashi‑Verfahren auf eine anaerobe Vorfermentation von Küchenabfällen. Dort entstehen Milchsäuren und organische Säuren, die später im Boden weiter abgebaut werden. Beide Wege führen zu mehr Bodenfruchtbarkeit – und zeigen, dass Fermentation nicht nur Teller und Trog, sondern auch den Acker betrifft.

Boden & Biomasse: Kompostierung vs. „fermentative“ Verfahren (Bokashi)

Kompostierung (aerob)

  • Biochemie: Oxidation organischer Substanz zu CO₂, H₂O, Wärme; C:N etwa 25–30:1 anstreben, Luft und Feuchte steuern.
  • Phasen: mesophil (Start, 20–40 °C) → thermophil (45–65 °C; Hygienisierung) → Reife.
  • Ergebnis: Humusvorstufen, stabile organische Substanz, Bodenstruktur, Nährstoffpuffer.

Bokashi (anaerob, „vorfermentiert“)

  • Küchenreste werden luftdicht mit Starter (Milchsäurebakterien/Hefen) umgesetzt. Produkte: Milchsäure,
    organische Säuren; pH sinkt, Nährstoffe bleiben weitgehend im System.
  • Nachlagerung im Boden/Kompost: mikrobieller Umbau zu Humus.
  • Vorteil: Wenig Verluste, auch in kleinen Haushalten praktikabel; Nachteil: Säurephase muss in den Boden integriert werden.

Kurz: Aerob (Kompost) = Mineralisierung + Wärme; Anaerob (Bokashi) = Säuerung + Konservierung, anschließende Bodenintegration nötig.

Chancen und Risiken

Fermente sind oft bekömmlicher, weil Laktose oder Phytinsäure abgebaut werden. Sie bringen Aromen, die wir sonst nicht hätten. Gleichzeitig bergen sie Risiken: zu viel Salz, biogene Amine in lange gereiften Produkten, Alkoholspuren in Getränken oder schlicht Schimmel bei Fehlern. Entscheidend ist, die Spielregeln einzuhalten: Salz, Temperatur, pH, Sauberkeit. Schimmel bedeutet wegwerfen, Buttersäuregeruch bedeutet Fehler. Wer diese Regeln beachtet, hat jedoch ein robustes Werkzeug, das seit Jahrtausenden funktioniert.

Chancen

  • Bekömmlichkeit: Abbau von Laktose (Joghurt/Kefir) und Phytinsäure (Sauerteig) kann die Mineralstoffverfügbarkeit verbessern.
  • Aromatik & Vielfalt: Organische Säuren, Ester, Alkohole erzeugen komplexe, natürliche Aromen.
  • Mikrobielles Lernen: Regelmäßiger, maßvoller Verzehr traditioneller Fermente kann das Aromen‑ und Textur‑Repertoire des Körpers „trainieren“.

Grenzen & Nebenwirkungen

  • Salz: Klassische Gemüsegärungen sind salzig – bei spezieller Diät beachten.
  • Biogene Amine (Histamin, Tyramin): Entstehen v. a. bei lange gereiften Proteinen (Käse, Wurst, Fischsauce). Empfindliche Personen reagieren.
  • Alkohol: In manchen Fermenten (z. B. Kombucha, Wasserkefir) Spuren vorhanden – je nach Führung mehr oder weniger.
  • Probiotikaversprechen: Fermente sind kein Allheilmittel. Sie können Ernährung bereichern, ersetzen aber keine Therapie.

Sicherheit: Botulismus, Schimmel, biogene Amine – und wie man Ärger vermeidet

  • Botulismus: C. botulinum mag anaerob und pH > 4,6. Lösung: Gemüse salzen, unter Lake, kühl reifen lassen; Ziel pH < 4,0–4,2.
  • Schimmel: Flauschig/farbig (grün, schwarz, rosa) = wegwerfen. Dünne weiße Kahmhefe ist meist harmlos, aber sensorisch störend – Ursache: zu viel Sauerstoff/zu warm/zu wenig Salz.
  • Eiweißreiche Fermente (Fleisch/Fisch, Soja, Käse): Sauberkeit, Temperaturführung, ggf. Starterkulturen und technologische Hilfsstoffe (Nitrit/Nitrat) nach Regelwerk.
  • Silage‑Hygiene: Sauber ernten, rasch verdichten, luftdicht. Buttersäuregeruch/hoher Ammoniak‑N = Fehlgärung → Tiergesundheit im Blick behalten.
  • Gefäße: Glas/Steingut bevorzugen; Kunststoff kann Gerüche annehmen. Metall nur säurefest.

Ökonomie & Nachhaltigkeit: Energie, Haltbarkeit, Kreisläufe

  • Energiearm: Fermentation konserviert ohne Tiefkühltruhe.
  • Wertschöpfung: Überschüsse aus Garten/Milch lassen sich veredeln (Sauerkraut, Käse, Wurst, Essig).
  • Weniger Abfall: Reste werden zu Ferment oder Kompost statt Müll.
  • Kreislauf: Küche → Stall/Futter (Silage) → Tier → Mist/Gülle → Boden → Garten → wieder Küche. Fermentation sitzt an mehreren Stellen in diesem Kreis.

Häufige Irrtümer & kurze Antworten

  • „Essiggemüse ist Fermentation.“ – Nein. Das ist Beizen. Lecker, aber anderes Prinzip.
  • „Ohne Starter geht gar nichts.“ – Falsch. Gemüse trägt die nötige Flora schon auf der Schale. Starter können beschleunigen, sind aber nicht Pflicht.
  • „Fermente sind automatisch gesund.“ – Nicht automatisch. Sie können hilfreich sein, wenn Qualität und Verträglichkeit stimmen.
  • „Kompost ist anaerobe Fäulnis.“Guter Kompost ist aerob. Fäulnis entsteht bei Luftmangel.
  • „Silage ist unnatürlich.“ – Nö. Es ist kontrollierte Milchsäuregärung – im Grunde Sauerkraut für Kühe. Entscheidend: sauber und luftdicht.

Fazit: Ein Weltprinzip

Fermentation ist die Kunst des Rahmens: Wir bestimmen Salz, Temperatur, Sauerstoff und Zeit – und lassen die Mikroben arbeiten. So entsteht Vorrat aus Ernte, Energie aus Gras, Humus aus Abfällen. Wer fermentiert, trainiert Geduld und Achtsamkeit: Nicht alles sofort, nicht alles maximal steril, sondern verständig, sauber und konsequent. Schimmel kommt von Luft, Buttersäure von Schlampigkeit – gute Fermente von Haltung. In diesem Sinne ist Fermentation mehr als nur eine Methode: Sie ist ein Weltprinzip, das uns ernährt, den Boden trägt und die Zeit überdauert.

Anhang A – Mikroben, Substrate, Produkte (Überblick)

BereichHauptmikrobenSubstrateProdukte/Ergebnis
GemüseLAB (Leuconostoc, Lactobacillus, Pediococcus)Zucker, PektineMilchsäure, CO₂, Aroma, Haltbarkeit
Getreide/BrotHefen + LABZucker aus StärkeCO₂ (Trieb), Alkohol (Teigphase), Säuren (Aroma)
MilchStreptococcus, Lactobacillus, Kefir‑SymbiosenLaktose, ProteineMilchsäure, Gel, Diacetyl/Acetaldehyd
Fleisch/WurstLAB, ReifeschimmelProteine/FettepH‑Senkung, Umami, Trocknung
Soja/HülsenfrüchteAspergillus, Rhizopus, BacillusStärke/ProteineEnzymatische Spaltung, Umami
GetränkeHefen, EssigsäurebakterienZucker/EthanolAlkohol, Essigsäure, CO₂
SilageLABPflanzliche ZuckerpH‑Senkung, Konservierung
KompostAerobe KonsortienOrganische SubstanzCO₂, Wärme, Humusvorstufen
BokashiLAB/Hefen (anaerob)KüchenresteMilchsäure, vorstabilisierte Biomasse

Anhang B – Zahlen, die in der Praxis tragen

  • Gemüse‑pH sicher: < 4,0–4,2; Botulismusschwelle: pH 4,6.
  • Salz: Schnittgemüse ~2 %, ganze Stücke/Brühen 2–3 %.
  • Temperatur: Gemüse 18–22 °C; Joghurt 42–45 °C; Pansen ~39 °C.
  • Silage‑TM: Gras 30–40 %, Mais 32–38 %; Ziel‑pH ~3,8–4,2; Buttersäure möglichst niedrig.

Leitsatz für Selbstversorger: Setze den Rahmen, prüfe mit Augen, Nase, Zunge – und lass die Natur für dich arbeiten.