Jonas saß am Feuer. Ein Stück Holz knackte, Funken sprangen in die Nacht.
Er hielt einen alten Zettel in der Hand, mit krakeligen Notizen, die er vor Wochen aufgeschrieben hatte. Er las sie leise, fast flüsternd, und ertappte sich dabei, dass er lächelte.
„Gar nicht schlecht, Jonas“, dachte er. „Gar nicht schlecht.“
Und sofort war dieses andere Gefühl da – das, was man so schnell wieder wegdrückt.
Darf man das? Darf man von sich selbst beeindruckt sein?
Oder ist das schon Eitelkeit? Stolz? Selbstverliebtheit?
Zwischen Bescheidenheit und Selbstvergessenheit
Wir sind groß geworden mit dem Gedanken:
Eigenlob stinkt.
Sei bescheiden.
Andere sollen entscheiden, ob es gut ist.
So lernen wir früh, die eigenen Erfolge kleinzureden. Ein gutes Essen? – „Ach, das war doch nichts.“
Ein schönes Bild? – „Naja, jeder kann das.“
Ein Gedanke, der uns selbst berührt? – „Vielleicht bilde ich mir das nur ein.“
Doch Achtsamkeit bedeutet, die Dinge wahrzunehmen, wie sie sind.
Und manchmal heißt das: Ja, das war wirklich gut.
Nicht im Vergleich zu anderen. Nicht als Wettbewerb. Einfach nur: gut für mich.
Jonas und das stille Publikum
Jonas stellte sich oft vor, dass er seine Gedanken jemandem erzählen würde.
Dem alten Nachbarn, der selten sprach.
Der jungen Frau, die jeden Morgen über die Grenze zur Arbeit ging.
Oder den Menschen, die irgendwann zufällig an diesem Feuer sitzen würden.
Aber heute brauchte er kein Publikum.
Seine eigenen Worte hatten gereicht. Sie klangen nach – in ihm, nicht in der Welt.
Und da passierte etwas Merkwürdiges:
Er fühlte sich gestärkt.
Nicht, weil jemand genickt oder geklatscht hätte.
Sondern weil er spürte: Ich habe mir selbst etwas zu sagen.
Selbstbeifall im Alltag
Vielleicht ist das ein unterschätzter Teil von Achtsamkeit.
Wir sprechen so viel von Stille, Atmung, Natur, vom „Hier und Jetzt“.
Doch was ist mit dem stillen Beifall?
Mit diesem Moment, in dem man kurz innehält und sagt:
„Ja, das habe ich gut gemacht.“
„Das gefällt mir.“
„Darauf bin ich stolz.“
Es muss nicht groß sein.
Ein selbstgebackenes Brot, das gelingt.
Ein Text, der etwas ausdrückt, das man lange gesucht hat.
Ein Gespräch, in dem man ruhig blieb, obwohl die Situation laut werden wollte.
Achtsamkeit bedeutet, diese Momente zu erkennen und sie nicht sofort kleinzureden.
Der Unterschied zwischen Stolz und Eitelkeit
Vielleicht liegt der Schlüssel in der Haltung.
Stolz heißt: Ich erkenne, dass ich etwas geschafft habe. Ich bin dankbar dafür.
Eitelkeit heißt: Ich will, dass alle anderen das auch sehen und mir dafür applaudieren.
Jonas wusste, dass er oft in die Falle tappte.
Er hatte Texte geschrieben, die niemand las.
Und er hatte sich geärgert.
Doch an diesem Abend merkte er: Der Wert liegt nicht im Echo.
Der Wert liegt im Klang der eigenen Stimme.
Warum wir uns selbst brauchen
Ein Mensch, der nie von sich selbst beeindruckt ist, wird immer auf andere warten.
Auf das Lob, auf die Bestätigung, auf das Schulterklopfen.
Das ist anstrengend. Und es macht abhängig.
Achtsamkeit dagegen schenkt Freiheit:
Wenn ich mich selbst beeindrucken darf, brauche ich nicht mehr ständig nach außen zu schielen.
Ich kann mich freuen, auch wenn niemand zusieht.
Ich kann sagen: Dieses Stück Holz habe ich sauber gespalten.
Diese Suppe ist mir gelungen.
Dieser Gedanke ist wertvoll.
Es ist wie eine stille Freundschaft mit sich selbst.
Der Wald als Spiegel
Jonas blickte in die Dunkelheit.
Die Bäume ringsum standen still, als würden sie zuhören.
Aber er wusste: Der Wald applaudiert nicht.
Er schweigt.
Und gerade darin liegt seine Kraft.
Vielleicht ist das genau die Übung:
Etwas schaffen, sagen, schreiben – und dann still bleiben.
Nicht sofort auf das Echo warten.
Sondern die eigene Stimme hören, die sagt: Ja, das gefällt mir.
Ein Übungsfeld: Das tägliche Leben
Man muss dafür nicht Schriftsteller sein.
Es reicht, sich kleine Gelegenheiten im Alltag zu nehmen:
- Kochen: Wenn dir ein Gericht gelingt, probiere es achtsam und sag dir: „Das schmeckt mir.“
- Arbeit: Wenn du eine Aufgabe erledigt hast, erlaube dir den Satz: „Das war solide.“
- Begegnungen: Wenn du freundlich geblieben bist, obwohl andere unfreundlich waren, klopf dir innerlich auf die Schulter.
Das ist kein Größenwahn. Es ist Pflege. Seelenpflege.
Jonas lächelt
Als die Flammen kleiner wurden, faltete Jonas den Zettel wieder zusammen.
Er legte ihn ins Notizbuch zurück, das voller unvollendeter Sätze war.
Er wusste: Viele davon würden niemand lesen. Vielleicht würde er sie selbst nie wieder aufschlagen.
Aber dieser eine Abend hatte gereicht.
Er hatte gespürt, dass er von sich selbst beeindruckt sein durfte.
Nicht groß. Nicht laut.
Einfach still.
Schlussgedanke
Achtsamkeit im Alltag heißt nicht nur, den Wind in den Bäumen zu hören oder das Brot bewusst zu kauen.
Es heißt auch, die eigene Stimme zu hören – und ihr zu glauben.
Vielleicht ist es die größte Freiheit, sich selbst mit einem leisen Beifall zu begleiten.
Nicht, um besser zu sein als andere.
Sondern um nicht länger von ihnen abhängig zu sein.
Selbstrespekt ist auch ein Teil von Respekt. Mehr hier: Vom Wert des Wortes
Wann warst Du das letzte Mal von Dir selbst beeindruckt? Schreib es mir doch in die Kommentare.



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