Ein Sonnenaufgang über den Hügeln des Böhmerwaldes
Eine Einladung zur Achtsamkeit

Jonas und Mira – Wie ein Abend im Böhmerwald Menschen verbindet

Der Tag neigte sich dem Ende zu, als ich mit einer Tasse Kaffee auf meiner Terrasse saß. Der Himmel über dem Böhmerwald leuchtete in sattem Orange, langsam mischten sich erste Blautöne hinein. Ein Käuzchen rief aus der Ferne, die Vögel waren verstummt, und der Wind trug den Duft von Thymian und Rosmarin aus meinem Kräutergarten herüber. In der Ferne knirschten die Reifen eines Autos auf dem geschotterten Weg – ein Geräusch, das hier wie eine langsame Uhr tickt. Nichts eilt.

Mein Garten war in diesem Sommer üppiger als je zuvor. Die Kürbisse hatten sich fast bis zur Terrasse vorgearbeitet, die Sonnenblumen neigten ihre schweren Köpfe wie alte Herren, die alles schon einmal gesehen hatten. Seitdem ich aufs Land gezogen war, hatte ich Achtsamkeit nicht nur als Wort kennengelernt, sondern als Haltung. Ich war langsamer geworden. Bewusster. Und, zu meiner eigenen Überraschung, neugieriger auf die Menschheit.

Nicht auf die Schlagzeilen, die mich manchmal noch aus der Ferne erreichten – Kriege, Streit, endlose Diskussionen um das Richtige und Falsche. Sondern auf das, was Menschen wirklich verbindet. Das, was bleibt, wenn man den Lärm abdreht.

Ich stand auf, um ein wenig Unkraut im Salatbeet zu zupfen. Das ist hier keine lästige Pflicht, sondern fast eine Art Meditation. Die Erde unter den Fingern, der Blick auf die kleinen Pflanzen, die sich ihren Platz erkämpfen. Ich dachte gerade darüber nach, wie viele unsichtbare Lebewesen wohl zwischen meinen Händen arbeiteten, als eine Stimme sagte:

„Du lebst hier wie in einer anderen Welt.“

Ich blickte auf und sah eine Frau am Gartenzaun. Vielleicht vierzig Jahre alt, lange braune Haare, ein Tuch um den Kopf gebunden, ein großer Rucksack auf dem Rücken. Ihre Augen hatten diesen wachen, aber gleichzeitig gelassenen Blick, den man selten sieht.

„Das dachte ich auch mal“, antwortete ich, „aber die Welt da draußen ist immer noch in mir – in meinen Gedanken, in den Fragen, die mich nicht loslassen.“

„Hallo, ich bin Mira.“

Ich wischte mir die Hände an der Hose ab, ging zum Zaun. „Jonas. Möchtest du reinkommen? Kaffee? Ein Stück Apfelkuchen?“

Sie zögerte keine Sekunde. „Sehr gern.“

Unter dem alten Apfelbaum setzten wir uns an den Holztisch. Ihr Rucksack lehnte am Stamm, schwer genug, um ein paar Geschichten mitzubringen. Sie erzählte, dass sie aus Berlin stamme, die Stadt aber vor drei Jahren verlassen habe. „Seitdem wandere ich“, sagte sie, „mit meinen Büchern.“

Ich hob eine Augenbraue. „Mit Büchern?“

„Ja. Ich tausche, verschenke, lese vor. Ich suche Orte, an denen Geschichten noch willkommen sind.“

Während sie sprach, spürte ich, dass ihre Reise mehr war als nur ein Spaziergang zwischen Dörfern. Sie erzählte nicht alles, nur Bruchstücke: von Cafés, in denen die Menschen lieber ihre Chai-Latte fotografierten, als einander zuzuhören; von Dörfern, in denen alte Männer auf einer Bank saßen und plötzlich von ihrer Jugend erzählten, weil jemand ein Buch aufschlug.

Ich stellte mir vor, wie sie in einem fremden Garten sitzt, ein Buch auf den Knien, und um sie herum entsteht so etwas wie… Gemeinschaft.

„Weißt du“, sagte Mira und sah zu den Sonnenblumen hinüber, „ich glaube, die Menschheit ist wie ein Garten. Manche wachsen wild, nehmen alles Licht. Andere brauchen Zeit und Pflege. Aber die Erde – die Wurzeln – sind dieselben.“

Ihre Worte ließen mich an meine ersten Tage hier denken. An das Atmen im eigenen Rhythmus. An die Stille, die man erst hört, wenn man sich traut, den Lärm wegzulassen.

„Achtsamkeit“, fuhr sie fort, „ist wie eine Schaufel. Du lockerst den Boden, machst ihn weich. Und dann – irgendwann – wächst etwas, das niemand vorhersehen konnte.“

Wir tranken unseren Kaffee, der inzwischen kalt geworden war. Das Gespräch wanderte zwischen uns wie ein kleiner Bach – mal plätschernd leicht, mal tiefer, mal still. Sie erzählte von Menschen, die sie unterwegs getroffen hatte, und von Abenden, an denen Fremde zu Nachbarn wurden, nur weil sie ein paar Seiten aus einem Buch vorlas.

Ich spürte, wie ein Gedanke in mir wuchs. „Vielleicht sollten wir das hier auch machen“, sagte ich schließlich. „Einen Abend im Garten. Jeder bringt etwas mit – eine Geschichte, ein Lied, ein Gedicht. Und die einzige Regel ist: Wir hören zu. Ohne zu kommentieren. Ohne zu werten.“

Mira lächelte. „Ein Experiment.“

Die Tage bis zu diesem Abend waren eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Ich sprach mit Václav, dem alten Bauern aus dem Dorf, der sofort zusagte. Eliška, die Musikerin vom Waldrand, brachte ihre Gitarre. Ich schrieb ein paar Sätze auf ein handgemaltes Plakat – auf Deutsch und in brüchigem Tschechisch –, hängte es am schwarzen Brett aus. Mira wanderte in die Nachbardörfer und lud mit Händen, Füßen und ihrem Lächeln ein.

Am Abend standen die Bänke im Kreis unter dem Apfelbaum, Fackeln warfen warmes Licht auf den Garten. Es kamen mehr Menschen, als ich erwartet hatte. Manche mit Instrumenten, manche mit Notizbüchern, manche einfach nur mit offenen Ohren.

Václav erzählte von den Feldern seiner Kindheit. Eliška sang von Freiheit und Waldwind. Ein Mann namens Karel sprach stockend von seinen Albträumen als ehemaliger Soldat. Ich wollte etwas sagen, etwas Tröstendes, aber ich erinnerte mich an die Regel. Zuhören.

Ein junges Paar erzählte von einem Sonnenaufgang im Böhmerwald. Eine ältere Frau las von ihrer Großmutter und dem Brotbacken. Sogar ein schüchterner Junge las ein Gedicht über den Mond, so leise, dass wir uns alle vorbeugen mussten.

Die Sprachen mischten sich – Deutsch, Tschechisch, Englisch –, und jedes falsch ausgesprochene Wort brachte uns zum Lachen. Aber das Wesentliche verstand jeder: Wir waren da, wir hörten zu.

Als die Fackeln niederbrannten, blieb eine Wärme zurück, die nicht vom Feuer kam. Mira packte am Ende ihres Rucksacks ein kleines Buch aus. „Das hier“, sagte sie, „bekam ich von einer alten Frau namens Elisabeth. Ich habe es nie gelesen. Vielleicht ist es Zeit, es weiterzugeben.“

Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Auf dem Tisch lag ein Zettel: „Danke für den Moment. Pflanz weiter Samen.“ Daneben das Buch.

Ich hielt es lange in den Händen, ohne es aufzuschlagen. Manchmal ist ein Buch mehr als Papier und Tinte. Manchmal ist es ein Versprechen.

Seitdem gibt es in meinem Garten immer wieder solche Abende. Mal sind wir zu dritt, mal zu zwanzigst. Die Themen sind nicht immer leicht – Politik, Glaube, persönliche Wunden –, aber wir hören zu. Und ich merke: Achtsamkeit ist nicht nur das Spüren des eigenen Atems. Sie ist die Brücke zu anderen.

Vielleicht verändert das nicht die ganze Welt. Aber es verändert meinen Garten. Und wer weiß – vielleicht auch die Menschen, die durch das Gartentor gehen.

Blätter im Wind der Freiheit. Svoboda.
Eliškas Svoboda – die Freiheit. Ein tschechisches Wort mit Symbolwert.

Text und Promt: MichelsWelt. Umsetzung Suno-KI. Copyright: MichelsWelt2025

Svoboda (tschechischer Text)

Vítr jde přes hory, přes zelený les, 
nese sny dál, kam nemůže pes. 
V korunách zpívá, v trávě se skrývá, 
svoboda žije, když srdce jí zpívá.  

Svoboda – jak vítr nad krajinou, 
Svoboda – co hranice míjí stínem. 
Svoboda – v listí, co se chvěje, 
v srdci, co dál věří a hřeje.  

Řeky se klikatí, ptáci jdou spát, 
lesní ticho má, co chceme znát. 
Žádné zdi, žádná vrata tu nejsou, 
jen cesta, co končí pod oblohou.  

Svoboda – jak vítr nad krajinou, 
Svoboda – co hranice míjí stínem. 
Svoboda – v listí, co se chvěje, 
v srdci, co dál věří a hřeje. 


Das war nur der Anfang. Was Mira wirklich erlebt hat, welche Dörfer sie geprägt haben – und was das Buch von Elisabeth mit all dem zu tun hat –, erzähle ich im kommenden Buch „Jonas – Geschichten aus dem Böhmerwald“.