Ein Sonnenaufgang über den Hügeln des Böhmerwaldes
Von der Klassendicken zur Klassenschlanken

Von der Klassendicken zur Klassenschlanken – Was uns die Körper unserer Kinder sagen

Es gab sie fast in jeder Klasse: die eine Mitschülerin, den einen Mitschüler, der ein bisschen runder war als der Rest. Meist war das kein großes Thema. Man war eben „die Klassendicke“ oder „der Gemütliche“, wie man es früher nannte. Der Rest der Klasse – durch die Bank schlank. Nicht, weil wir alle Diät hielten oder ein Sixpack wollten. Sondern weil unser Alltag uns bewegte, weil es wenig Süßes gab, und weil Essen eben Essen war – keine Dauerbeschäftigung.

Heute ist dieses Bild fast auf den Kopf gestellt. In vielen Schulklassen ist „die Schlanke“ zur Ausnahme geworden. Kinderärzte schlagen Alarm, aber im Supermarkt lachen uns trotzdem quietschbunte Zuckerfallen mit Comicfiguren an. Wer achtsam durch den Alltag geht, sieht: Unsere Körper – gerade die unserer Kinder – sind zu Warnlampen einer Gesellschaft geworden, die den Bezug zu echter Nahrung verloren hat.

Essen ist heute überall – nur nicht mehr da, wo es hingehört

Wir essen beim Fernsehen, beim Autofahren, beim Scrollen. Kinder frühstücken Gummibärchen und trinken Energydrinks, bevor sie überhaupt richtig wach sind. Auf Schulhöfen wird nicht mehr gehüpft, gerannt oder Fangen gespielt, sondern aufs Smartphone gestarrt. Bewegung? Fehlanzeige. Dafür 400 kcal pro Getränkedose und ein „Snack to go“, der mit echtem Essen so viel zu tun hat wie eine Tiefkühlpizza mit Handwerk.

Die unsichtbare Hand der Industrie – oder: Warum Zucker sich gern verkleidet

Ein großer Teil des Problems sitzt nicht im Wohnzimmer – sondern in den Chefetagen der Nahrungsmittelkonzerne. Dort, wo man längst weiß, wie süß, fettig und knusprig ein Produkt sein muss, damit es süchtig macht. Man spricht nicht mehr von Nahrungsmitteln, sondern von „Mundgefühl“ und „Kauverhalten“. Was klingt wie ein Forschungsbericht über Tiere im Labor, ist Alltag im Supermarktregal.

Und die EU? Sie winkt brav durch. Zusatzstoffe, Füllstoffe, chemische Aromen – erlaubt, solange sie schön mit E-Nummern gekennzeichnet sind. Aber wer von uns versteht die eigentlich noch? Wer weiß, was sich hinter „modifizierter Stärke“ oder „Aromastoffen natürlichen Ursprungs“ verbirgt?

In Wahrheit ist vieles davon ein Etikettenschwindel. Was wie Joghurt aussieht, ist oft eine Mischung aus Zucker, Verdickungsmittel und Aromapulver. Was wie Brot aussieht, ist ein aufgeschäumter Teig mit Emulgatoren und Backhilfsmitteln. Und was aussieht wie Frühstück, ist oft ein Dessert mit Gesundheitsmaske.

Achtsamkeit beginnt im Einkaufswagen

Wenn wir von Achtsamkeit sprechen, meinen wir oft das große Ganze: den inneren Frieden, die Stille, das bewusste Sein. Aber Achtsamkeit beginnt manchmal ganz banal – am Einkaufsregal. Es beginnt damit, die Zutatenliste zu lesen. Es beginnt damit, sich zu fragen: Will ich meinem Körper (oder dem meines Kindes) wirklich das geben?

Echte Nahrung braucht keine Werbung. Eine Karotte braucht keinen Claim wie „Ballaststoffreich!“. Ein Apfel muss nicht „light“ sein. Und ein selbstgekochtes Essen braucht keine Gesundheitsversprechen – weil es aus dem besteht, was es ist: Nahrung.

Und macht es nicht Spaß, sein Essen selbst zu kochen? Sich Dinge auszudenken, aus Grundnahrungsmitteln etwas zu zaubern? Am Ende ein Ergebnis zu sehen, dabei noch zu lernen? in jedem Fall sinnvoller als nochmal die Timeline bei Instagram hoch- und runterzuscrollen. Und meist auch billiger, als irgend einen hochverarbeiteten Zuckerpampf der Nahrungsmittelindustrie in sich zu stopfen.

Früher war nicht alles besser – aber oft einfacher

Natürlich hatten wir auch in den 80ern unseren Zucker. Wir haben Cola getrunken, Nutella geliebt und uns die Kaugummis aus dem Automaten gezogen. Aber: Wir sind danach rausgegangen. Wir sind gerannt, geklettert, geradelt. Wir hatten keine Dauerberieselung, keine Lieferdienste, kein Frühstücksfernsehen mit fettigen Tiefkühlcroissants.

Was wir hatten: Eltern, die gekocht haben – nicht perfekt, aber selbst. Schulen, in denen das Pausenbrot selbst geschmiert wurde. Großeltern, die uns beibrachten, dass ein Apfel reicht, wenn man Hunger hat. Und eine Gesellschaft, die noch nicht glaubte, man könne Gesundheit in Einzelportionen kaufen.

Fazit: Kein Vorwurf – aber ein Weckruf

Dieser Beitrag ist kein Bodyshaming. Jeder Mensch hat seinen Körper, seine Geschichte, seinen Weg. Aber wenn ganze Generationen übergewichtig werden – dann ist das nicht Schicksal. Es ist System.

Und wir sind nicht machtlos. Wir können umdenken. Umfüllen. Umlernen. Wir können wieder selbst kochen, wieder fühlen, wann wir satt sind, wieder unterscheiden zwischen Essen und Ersatz.

Denn echte Achtsamkeit heißt auch: Verantwortung übernehmen – für unseren Körper, unsere Kinder und unseren Kühlschrank.

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