„Bio ist besser“ – das ist ein Satz, der sich in vielen Köpfen festgesetzt hat. Supermärkte werben mit grünen Siegeln, und Bio-Produkte gelten als ethisch, gesund und nachhaltig. Doch stimmt das wirklich? Oder wird unter dem grünen Deckmantel oft nur ein gutes Gefühl verkauft? Zeit für einen differenzierten Blick auf die moderne Landwirtschaft. Ohne Romantik, ohne Angstmacherei. Dafür mit Realität, wie sie auf den Feldern, in den Gewächshäusern und Ställen Europas tatsächlich aussieht.
Was „Bio“ bedeutet – und was nicht
Die EU-Ökoverordnung regelt klar, was als „Bio“ gilt: kein chemisch-synthetischer Pflanzenschutz, keine mineralischen Stickstoffdünger, keine Gentechnik, mehr Platz für Tiere, mehr Fruchtfolge auf dem Acker. Klingt gut. Doch Bio ist vor allem eines: ein Regelsystem, kein Garant für Perfektion. Viele Vorschriften stammen aus einer Zeit, in der moderne Technik noch nicht auf dem Acker angekommen war. Das Bio-Label bewertet den Weg, nicht unbedingt das Ergebnis.
Dann gibt es bei „Bio“ auch noch Abstufungen. Sei es das EU-Biosiegel, bis hin zum extrem strengen Demeter-Bio. Alle unterscheiden sich in Haltungsformen, Anbauphilosophien, letztendlich Qualität. „EU-Bio“ gibt lediglich Mindeststandards vor, die als Kompromiss von vielen Interessensgruppen ausgehandelt wurden.
Praxisbeispiel: Die Schlangengurke im Gewächshaus
Im konventionellen Hightech-Gewächshaus wächst die Gurke auf Steinwolle oder Kokossubstrat. Die Nährstofflösung ist exakt berechnet, Sensoren messen pH, EC, Temperatur. Die Nährlösung, die nicht verbraucht wird, wird aufgefangen, analysiert und zurückgeführt. Pflanzenschutz? Meist über Nützlinge, ganz ohne Chemie. Kein Tropfen gelangt ins Grundwasser. Das Ergebnis: Eine optisch perfekte, rückstandsfreie Gurke mit geringem Ressourcenverbrauch.
Im Bio-Gewächshaus dagegen herrscht mehr Unsicherheit. Gedüngt wird mit Kompost, Jauche oder Pflanzenextrakten. Die Wirkung ist schwankend, der Krankheitsdruck höher. Kupfer und Schwefel sind erlaubt, ebenso Nützlinge. Doch der Energieverbrauch ist identisch, die Ernte geringer, die Steuerbarkeit eingeschränkt. Biologisch? Ja. Besser? Kommt drauf an, was man bewertet.
Pflanzenschutz & Nährstoffkreisläufe: Die wahren Unterschiede
Moderne konventionelle Betriebe setzen auf integrierten Pflanzenschutz (IPM), präzise Düngung, und geschlossene Systeme. Statt Gießkanne und Bauchgefühl gibt es Sensoren, Wetterdaten, Drohnen und Software. Das Ziel: So wenig Eingriff wie möglich, so gezielt wie nötig. Und das nicht nur im geschlossenen Gewächshaus. Das geschieht in der modernen Landwirtschaft in allen Bereichen. Kein Landwirt, der wirtschaftlich arbeitet, fährt „einfach so“ mit der Spritze über den Acker. Das würde seinen Gewinn schlicht auffressen.
Im Bio-Anbau wird vieles durch Fruchtfolge und Bodenleben geregelt – mit Erfolg, aber auch mit Grenzen. Die Steuerung ist ungenauer, die Erträge schwanken. Die Dünger sind organisch, aber oft nicht lokal verfügbar. Der Mythos vom geschlossenen Hofkreislauf ist selten Praxis. Oftmals entstehen dadurch höhere Kosten, z. B. Getreide verunkrautet, muss mit hohem Energieaufwand gereinigt werden. Bodenschonende Direktsaat ist nicht möglich. Bio stößt auch schnell an Grenzen.
Tierhaltung: Fortschritt statt Klischee
Das Bild von Tieren im dunklen Stall, bis zum Bauch im Mist, ist in Europa längst Geschichte. Moderne konventionelle Tierhaltung arbeitet mit Lüftung, Licht, Kameras, Futtersteuerung, Hygienezonen und Tierwohl-Software. Antibiotikaeinsatz ist meldepflichtig und teuer. Kranke Tiere bedeuten Verlust. Auch hier gilt: Wer effizient arbeitet, hat ein Interesse an gesunden Tieren. Im konventionellen Anbau kommt es am einzelnen Betrieb auf die Vermarktung an. Diese bestimmt auch die Produktion. Konventionell bedeutet nicht, dass die Tiere keinen Auslauf haben.
Bio-Tierhaltung bietet mehr Platz, Auslauf, gentechnikfreies Futter und robustere Rassen. Doch auch hier gibt es Herausforderungen: Parasiten durch Auslauf, längere Mastzeiten, höherer Methanausstoß pro kg Fleisch. Der Unterschied liegt im System, nicht im Wohl der Tiere allein.
Klima, Energie, Effizienz
Ein Bio-Gewächshaus braucht genauso viel Heizenergie wie ein konventionelles. Eine Bio-Kuh stößt mehr Methan aus als eine Hochleistungsrind aus dem Laufstall. Und der Flächenverbrauch pro kg Produkt ist bei Bio fast immer höher. Wer ökologisch denkt, muss auch Effizienz denken. Nicht jeder Bio-Weg ist per se ressourcenschonender.
Fazit: Siegel ersetzen keinen Blick hinter den Zaun
Die Frage ist nicht: Bio oder konventionell? Die Frage muss lauten: Wie wird produziert?
Moderne konventionelle Landwirtschaft kann extrem nachhaltig sein, wenn sie richtig betrieben wird. Bio kann umweltfreundlich sein, aber auch ineffizient und ideologisch geprägt. Entscheidend ist nicht das Label, sondern der Betrieb, die Haltung, die Technik – und die Verantwortung dahinter.
Wer wirklich nachhaltig konsumieren will, sollte nicht auf das Siegel schauen, sondern auf die Herkunft. Auf den Betrieb. Auf das System. Einfach in den Supermarkt, eine Plastikverpackung mit Biosiegel geschnappt, mag vielleicht das Gewissen beruhigen. Einen hohen Wert der Lebensmittel bedeutet es nicht.
Hier habe ich eine Checkliste für einen bewussten Einkauf zusammengestellt. Zum kostenlosen Download.
Wer wirklich Wert auf hochwertige und somit auch gesunde Ernährung legt, sollte vielleicht seine Freizeit nicht im Freizeitpark verbringen, sondern den Tag der offenen Tür des regionalen Landwirts nutzen. Vielleicht mit Produzenten ins Gespräch kommen. Viele sind dann bereit, ihre Produktionsanlagen und
-methoden zu zeigen. Wer ehrlich wirtschaftet, muss nichts verstecken. Das haben Landwirte erkannt.
Denn am Ende zählt nicht, was auf dem Etikett steht. Sondern wie das drin ist, was wir essen.
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