Es gibt Politiker, die sich durch ihre Inszenierung in Szene setzen. Und es gibt Menschen wie José Mujica. Ein Mann, der als „der ärmste Präsident der Welt“ bezeichnet wurde, obwohl er in Wahrheit vielleicht der reichste war: reich an Haltung, Demut, Freiheit und Glaubwürdigkeit.
Für die Serie „Achtsamkeit im Alltag“ fand ich das ein gutes Thema.
José Mujica war von 2010 bis 2015 Präsident von Uruguay. Doch seine Geschichte beginnt lange davor – in einem Land, das nicht für politischen Glamour, sondern eher für Rinderzucht und bescheidene Landschaften bekannt ist. Mujica wuchs einfach auf, lebte einfach, und blieb einfach. Selbst als er das höchste Amt seines Landes bekleidete, wohnte er mit seiner Frau auf einem kleinen Bauernhof vor den Toren Montevideos. Kein Palast, keine Kolonne. Nur ein Hund, ein Garten, ein altes Haus mit feuchtem Putz. Und ein blauer VW-Käfer.
Die Geschichte eines Rebellen
Bevor José Mujica Präsident wurde, war er Teil der Tupamaros-Guerilla, einer linken Stadtguerilla in den 1960er und 70er Jahren, die sich gegen die repressive Regierung Uruguays wandte. Er verbrachte insgesamt 14 Jahre im Gefängnis, zum Teil in Isolationshaft, mit dem Blick auf eine Wand und einem Eimer als Toilette. In dieser Zeit verlor er vieles – aber nicht sich selbst.
Er kam heraus mit einer inneren Klarheit, die ihn bis heute auszeichnet. Keine Bitterkeit, kein Hass, kein Rachebedürfnis. Stattdessen die tiefe Einsicht: „Wenn du nicht mit wenig zufrieden sein kannst, wirst du mit viel niemals glücklich.“
Ein Präsident ohne Show
Als José Mujica gewählt wurde, versprach er keine Wunder. Er versprach nur, ehrlich zu bleiben. Und das war schon eine Revolution für sich. Statt im Palast zu wohnen, blieb er auf seinem Bauernhof. Statt 12.000 Dollar Monatsgehalt für sich zu behalten, lebte er von rund 1.000 Dollar im Monat – der Rest ging an Hilfsprojekte und soziale Initiativen. Als sein VW-Käfer bei einer Versteigerung fast 1 Million Dollar bringen sollte, lehnte er ab. „Ich brauche das Geld nicht. Ich habe genug.“
In Interviews sprach er oft über die Themen, die in der internationalen Politik selten vorkommen: Konsum, Glück, Sinn, Achtsamkeit. Er sah im „immer mehr“ keinen Fortschritt, sondern einen geistigen Rückschritt. Sein Blick auf die Welt war nicht naiv, sondern radikal menschlich.
„Wir haben eine Zivilisation geschaffen, die dazu da ist, Dinge zu kaufen. Dabei sollten wir uns eher fragen, was uns Zeit, Leben und Freude schenkt.“
Achtsamkeit als politische Haltung
Was José Mujica auszeichnet, ist nicht nur seine Bescheidenheit, sondern die Konsequenz, mit der er lebt, was er sagt. Seine Achtsamkeit zeigt sich nicht in Instagram-Meditationen oder Lifestyle-Magazinen, sondern im alltäglichen Tun: das eigene Leben einfach halten, anderen Raum geben, Ressourcen schonen, Geld als Mittel statt als Ziel sehen.
Er erinnerte die Welt daran, dass Wohlstand nicht nur materiell gemessen werden kann. Dass man in einem Haus mit feuchter Wand glücklich sein kann, wenn man weiß, wer man ist. Und dass echte Freiheit nicht in der Wahl zwischen 20 Automodellen liegt, sondern im Verzicht auf unnötige Abhängigkeit.
Was wir von José Mujica lernen können
Gerade in einer Zeit, in der Politik wieder von Inszenierung, Social Media, Schlagwörtern und Selbstvermarktung geprägt ist, ist José Mujica ein wohltuender Gegenentwurf. Er zeigt: Es geht anders. Man kann Verantwortung tragen und dabei Mensch bleiben. Man kann in Öffentlichkeit stehen und trotzdem Demut leben. Und man kann auf Macht verzichten, ohne schwach zu sein.
Viele Menschen sehnen sich heute nach Orientierung, nach Wahrhaftigkeit. Mujica liefert beides. Nicht mit Konzepten, sondern mit gelebtem Beispiel. Seine größte Botschaft ist einfach:
„Lebe einfach, damit andere einfach leben können.“
Eine Übertragung auf unseren Alltag
Was hat das alles mit uns zu tun, mit einem Sonntag im Juni, mit einem Leben zwischen Einkauf, Job, Familie und Smartphone? Eine ganze Menge.
Denn Achtsamkeit beginnt nicht bei der Yogamatte. Sie beginnt bei der Frage: Was brauche ich wirklich?
- Muss es das neueste Handy sein? Oder reicht das, was ich habe?
- Muss ich mehr arbeiten, um mehr zu kaufen? Oder kann ich Zeit gewinnen, wenn ich mich mit weniger zufrieden gebe?
- Muss ich meine Wohnung noch weiter einrichten? Oder bin ich schon angekommen?
José Mujica ist keine moralische Instanz. Aber er ist ein lebendiger Beweis dafür, dass man ein gutes Leben führen kann, ohne viel zu verbrauchen.
Eine kleine Achtsamkeitsübung für heute:
Stell dir vor, du wärst für einen Tag Präsident oder Präsidentin. Du bekommst alle Macht – aber auch die Chance, ein Vorbild zu sein. Was würdest du ändern?
- An deinem Tagesablauf?
- An deinem Umgang mit anderen?
- An deinem Konsum?
Und jetzt die wichtigere Frage: Warum eigentlich nicht heute schon damit anfangen?
Der reichste Mann im Herzen
José Mujica lebt heute wieder als einfacher Bauer. Er gibt selten Interviews. Sein Gesicht ist von der Sonne gegerbt, seine Worte sind sparsam, sein Blick klar. Vielleicht ist genau das das Vermächtnis seiner Zeit als Präsident: Nicht die Gesetze, sondern das Beispiel.
Er hat keine Denkmäler errichten lassen. Aber er hat etwas hinterlassen, das selten geworden ist: Vertrauen. In die Menschlichkeit. In das Gute. In die leise Kraft der Bescheidenheit.
Vielleicht ist das die wahre Achtsamkeit im Alltag: nicht alles zu haben, sondern sich selbst genug zu sein.
Zitat zum Abschluss:
„Wenn du weniger brauchst, bist du reicher als die meisten.“
– José Mujica



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