Ein Sonnenaufgang über den Hügeln des Böhmerwaldes
Ein Paar sitzt auf einer Bank am See und blickt in die ruhige Landschaft – Symbol für Vertrauen und Achtsamkeit.

Vertrauen beginnt mit einem Satz

Sonntagmorgen, 7 Uhr. Ich sitze mit meinem Kaffee an der Holzbank vor dem Haus. Die Vögel sind heute früher dran als sonst. Ein Ehepaar geht spazieren, schweigend, nebeneinander, aber nicht miteinander. Ich frage mich: Wie viele Beziehungen leben nebeneinander her, ohne sich wirklich zu begegnen? Ohne Ehrlichkeit, ohne echte Gespräche. Ich denke an ein einfaches Wort: Vertrauen. Und daran, wie wenig dazugehört, es aufzubauen – und wie schnell es zerfällt.

Vertrauen ist kein Zustand – es ist ein Prozess

Vertrauen ist kein „Hat man oder hat man nicht“. Es ist etwas, das im Alltag entsteht – oder verloren geht. Mit jedem Blick, jedem Satz, jeder Reaktion. In der Partnerschaft besonders. Wenn du über Jahre nicht sagen kannst, was du denkst oder fühlst, verlierst du dich selbst. Und den anderen gleich mit. Das passiert nicht durch große Ereignisse, sondern durch – Schweigen. Verdrängung. Masken.

Meine Frau und ich sind jetzt 25 Jahre verheiratet. Das war eine Zeit mit vielen Höhen und Tiefen. Doch wenn ich diese Zeit zurückdenke, war immer gegenseitiges bedingungsloses Vertrauen vorhanden. Und immer wurde über alles geredet. Es gibt bei uns nicht „Dein“ oder „Mein“, es ist unser gemeinsames Leben.

Schon Aristoteles wusste: Die Freundschaft in der höchsten Form ist jene zwischen zwei Menschen, die einander Gutes wünschen um des anderen willen – nicht um des Nutzens willen. Vertrauen in der Partnerschaft ist genau das: Eine Haltung, die auf Echtheit beruht, nicht auf Taktik.

Kommunikation: Einfach sagen, was ist

Achtsamkeit beginnt genau hier: In dem Moment, in dem du sagst, was du wirklich denkst. Kein Drama, kein Angriff. Nur ein Satz wie:

  • „Ich habe den Wunsch, dass wir mehr Zeit zu zweit verbringen.“
  • „Ich fühle mich gerade zurückgewiesen.“
  • „Ich merke, dass mir etwas fehlt.“

Ein Wunsch ist kein Vorwurf. Aber viele hören ihn so, weil sie es nicht gewohnt sind, in Ruhe über Gefühle zu sprechen. Dabei ist es reine Übungssache. Wer achtsam lebt, lernt, dass Worte Brücken sind – keine Waffen.

Wie in unserer Ehe. Wem sollte ich meine Wünsche, meine Bedürfnisse mitteilen, wenn nicht meiner Frau? Mit wem sollte ich meine Sorgen, meine Gefühle teilen, außer meiner Frau? Woher sollte ich die Wünsche, Sorgen, Gefühle meiner Frau kennen, wenn sie nicht ausgesprochen werden? Natürlich ist nicht jeder Wunsch sofort ein Befehl. Eine Partnerschaft besteht aus Kompromissen. Eine Partnerschaft besteht vor allem aus Geben und Nehmen!

Martin Buber nannte das echte Gespräch das „Ich-Du-Verhältnis“ – ein Moment der wahren Begegnung, ohne Maske, ohne Nutzenkalkül. Ein Gespräch, in dem der andere nicht Objekt, sondern Gegenüber ist. Solche Gespräche machen aus einem Nebeneinander ein Miteinander.

Wenn das Schweigen zum Normalfall wird

Viele Paare reden nicht über Gefühle oder Bedürfnisse, sondern nur über Termine, Kinder, Einkauf. Der eigentliche Mensch bleibt dabei unsichtbar. Die Folge: Entfremdung. Und irgendwann das, was wir „fremdgehen“ nennen – oft nicht aus Lust, sondern weil man sich wieder gesehen fühlen will.

„Fremdgehen“ ist oft eine Flucht. Aber es ist der finale Vertrauensbruch. Ein Versagen auf beider Seiten. Es gibt einen alten Spruch: „Neue Besen kehren gut“. Und was ist der Hauptgrund? Mangelnde Kommunikation und Kompromisse verweigern. Es gibt nicht die „perfekte Ehe“. Aber ich sehe es bei uns, wie oft wir den gleichen Gedanken haben. Bei uns gibt es kein Thema, welches nicht angesprochen werden könnte. Ich muss nicht in allem zustimmen, wie auch mir meine Frau nicht immer zustimmen muss. Aber am Ende des Gesprächs finden wir eine Lösung, mit der beide Teile leben können. Aufeinander zugehen, nicht jeder versucht, das Maximale herauszuholen.

25 Jahre Ehe haben wir uns erarbeitet. Es gibt nichts auf der Welt, was es wert wäre, diese Zeit kaputt zu machen. Und die Erkenntnis aus dieser Zeit: Vertrauen, miteinander reden, Dinge aussprechen. Nicht als Vorwurf, sondern als Ausdruck von Gefühlen und Wünschen.

Søren Kierkegaard schrieb: „Das größte Unglück ist nicht, zu leiden, sondern sich selbst zu verlieren.“ In einer Beziehung, in der nicht mehr gesprochen wird, verlieren sich oft beide – langsam, still, scheinbar funktionierend.

Frauen und Männer: Unterschiedliche Sprachen, gleiche Sehnsucht

Viele Konflikte entstehen, weil Männer und Frauen unterschiedlich kommunizieren. Ein Mann, der sexuelle Fantasien äußert, meint oft nur: „Ich will mit dir gemeinsam spielen, etwas ausprobieren“ Eine Frau hört aber: „Ich bin dir nicht genug.“ Dabei geht es gar nicht um Ersatz, sondern um Verbundenheit durch Offenheit. Auch das ist Achtsamkeit: Die Sprache des anderen zu lernen.

Der Partner ist nicht der Gegner. Ich unterstelle meiner Frau niemals, dass sie etwas Schlechtes für mich will, dass sie mich übervorteilen will. Auch Sprache will geübt werden. Als Beispiel „Du bist xxx“ ist ein deutlicher Unterschied zu „Ich finde du bist xxx“. Die erste Aussage ist Angriff, die zweite Aussage ist ein Gefühl äußern. Es sind die Feinheiten im Ton. Durch Achtsamkeit findet man diese Feinheiten heraus. Am Ende ist es das Ergebnis, dass man besser miteinander kommunizieren kann.

Und wie oben bereits erwähnt. Wem sollte ich meine Wünsche äußern, wenn nicht meinem Partner, meiner Partnerin? Welch Vertrauensbruch muss da sein, wenn ich mit meinem Ehepartner nicht alles besprechen kann?

Simone de Beauvoir schrieb, dass der Andere nicht Besitz ist, sondern Freiheit. In der Partnerschaft bedeutet das: Nicht Kontrolle, sondern Vertrauen – auch, wenn der andere nicht spiegelt, was ich gerade fühlen will. Vertrauen ist nicht Anpassung, sondern ein gegenseitiges Erkennen in der Verschiedenheit.

Achtsamkeit als Haltung

Wer achtsam lebt, stellt sich nicht über den anderen, sondern neben ihn. Hört zu, ohne sofort zu werten. Sagt, was er braucht, ohne zu verletzen. Und ist bereit, eigene Muster zu hinterfragen. Vertrauen beginnt oft mit einem einzigen Satz. Und wird gestärkt durch das, was danach kommt: Zuhören. Nicht recht haben wollen. Nicht fliehen. Einfach bleiben.

Heidegger sprach von „Geworfenheit“ – dem Zustand, in dem wir uns in eine Welt hineingestellt finden, ohne sie gewählt zu haben. In der Partnerschaft sind wir auch geworfen: in Nähe, Alltag, Vergangenheit. Achtsamkeit ist der Moment, in dem wir entscheiden, ob wir in dieser Geworfenheit bewusst handeln – oder unbewusst funktionieren.

Tipp: Wie wir unser „Gepäck des Lebens“ erkennen und bewusst damit umgehen, habe ich in diesem Beitrag beschrieben.

Drei Impulse für die Woche:

  1. Formuliere einmal bewusst einen Wunsch an deinen Partner – ohne Vorwurf, ohne Forderung.
  2. Höre auf einen Satz deines Gegenübers, als wärst du ihm zum ersten Mal begegnet.
  3. Nimm dir 10 Minuten, um über die Frage nachzudenken: „Was wäre, wenn ich heute das sage, was ich wirklich denke?“

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Fazit:

Vertrauen ist ein Weg. Kein Konzept, kein Vertrag. Sondern ein Miteinander, das jeden Tag neu beginnt. Achtsamkeit ist der erste Schritt.

Nächste Woche: „Zeit haben heißt nicht Freizeit haben: Über Prioritäten im Alltag“