Ein Sonnenaufgang über den Hügeln des Böhmerwaldes
Achtsamkeit im Frühling: Ruhe statt Hektik auf der Gartenbank

Achtsamkeit im Frühling: Entschleunigen statt Mitlaufen

Samstagmorgen, 7 Uhr – der Frühling 2025 hat begonnen. Die Sonne kitzelt die Nase, die Vögel zwitschern, und nach dem grauen Winter fühlt sich die Luft frisch an. So richtige Frühlingsluft. Ich sitze mit Achtsamkeit, einer Tasse Kaffee auf meiner Bank in der Sonne – und sehe, wie die Hektik losgeht. Der Nachbar hat den Rasenmäher ausgepackt und mäht die Krokusse aus dem Rasen, hinter ihm steht schon der Vertikutierer, die Werbung im Briefkasten will mir neue Geräte andrehen, und überall scheint klar: Jetzt muss alles auf einmal passieren. Schuppen aufräumen, Fahrrad richten, Garten machen – alles sofort.

Aber auf meiner Bank denke ich mir: Warum eigentlich? Warum rennt jetzt jeder, als gäbe es keinen nächsten Frühling? Als würde der Garten weglaufen? Und muss ich da mitmachen? Für mich heißt Achtsamkeit, den Kopf anzuschalten, statt blind mitzulaufen. Das ist kein Esoterik-Kram mit Kerzen, Klangsteinen und Duftschalen – das kann jeder lernen, wenn er es rausbekommt. Schauen wir mal genauer hin.

Psychologie der Massen

„Psychologie der Massen“ 1895 hat Gustave LeBon diese Erkenntnis niedergeschrieben. Ein französischer Psychologe, der sich mit dem Verhalten des Menschen beschäftigt hat. Der Begriff schwirrt immer wieder durch die sozialen Medien. Kaum einer weiß was es zu bedeuten hat. Es ist kein Hexenwerk. Es ist ganz einfach die Erkenntnis wie sich Menschen in Gruppen verhalten. Keine Magie, keine Manipulation. Nur eine Beobachtung. Er sagte: In Gruppen schaltet der Verstand ab. Die Masse fühlt, folgt, denkt aber nicht.

Panik statt Frühling

Im Frühling sieht man es genau: Einer gräbt den Garten um, plötzlich machen’s alle. Im Viertel fängt der eine an, seine Bäume zu schneiden – oft zur falschen Zeit, mit der falschen Technik –, und die anderen ziehen nach. „Was sollen die Nachbarn denken?“ treibt sie an. In Schrebergärten das gleiche Spiel. Irgendwer fängt an, alle machen mit und wollen gefallen. Stanley Milgram hat es 1961 in seinem Experiment gezeigt: 65 Prozent gehorchen blind, wenn eine Autorität es sagt. Heute ist’s der Zwang vom Viertel oder die Schlagzeilen: „Frühling, los geht’s!“, und 80 Prozent rennen – die 80/20-Regel in Aktion.

Früher, vor 20 Jahren hatte ich mich auch anstecken lassen. Kaum kam die Sonne etwas durch, ging es los. Am besten mit dem Fahrrad den Rasen mähen, dann hat man alles auf einmal erledigt. Man muss ja noch vertikutieren, düngen, nachsäen. Im Baumarkt lange Schlangen. Bis ich gemerkt hab: Ich weiß nicht mal, warum. Das Problem ist, dass du abends erschöpft bist und der Frühling sich wie Arbeit anfühlt, nicht wie Leben. Ich ging auf die Suche was ich tun kann. Und kam zur Achtsamkeit.

Achtsamkeit keine Modeerscheinung

Achtsamkeit ist für mich kein Modewort – es heißt, den Lärm zu sortieren. Wir leben nicht mehr in einer Wissensgesellschaft – 100 Bücher lesen, 1000 neue kommen raus. YouTube? Kann man niemals fertig schauen. Es werden etwa 500 Stunden pro Minute hochgeladen, 82 Jahre Inhalt pro Tag! Wir sind in einer absoluten Informationsgesellschaft. Alleine in Deutschland gibt es geschätzt 1200 Nachrichtenkanäle. Die Informationsflut erreicht uns immer und überall. Der Mensch hat sich zur Generation „Schlagzeile“ entwickelt. 60 Zeichen – Skandal – ab zum nächsten Skandal. Alle laufen mit.

Informationsflut filtern

Wir müssen Informationen filtern. Auch im öffentlichen Leben, im Beruf prasselt alles auf uns ein. Alles in Echtzeit mit Tracking verfolgt. Und es wird nicht besser. Ein Bildschirm hier, eine Laufschrift da, dazu Benachrichtigungen auf das Smartphone. 99.99 % einfach nur nutzloser Lärm. Die Masse läuft ganz unbewusst hinterher. Marketingstrategen wissen um LeBon. Ebenso die Politik. Es wird ganz bewusst genutzt. Die Werbung dient zum Verkauf. Mach es schneller kaufen mehr Leute weil sie nur noch reagieren, aber nicht wirklich nachdenken. Politische Entscheidungen im Minutentakt.

Corona war bewusste Panik

Denkt man an Corona zurück konnte niemand mehr sagen, welche „Maßnahme“ gestern, heute oder morgen Gültigkeit hatte. Ich hatte mich komplett herausgenommen. Mir war das alles völlig egal. Mit Achtsamkeit erkannte ich im April 2020 schon die Widersprüche. Maske im Sitzen aber nur bei ungeraden Hausnummern, bei geraden Hausnummern im Stehen. Aber auch nur von 1 bis 23, dann umgekehrt.

Die Menschen haben abtrainiert bekommen, sich um Details zu kümmern. Nur noch Flucht. Ob in der Werbung, in politischen Entscheidungen oder im ganzen Leben. Die wichtigen Dinge werden nicht mehr diskutiert. Wenn ich einen bestimmten Ort erreichen will, schaue ich die Entfernung an, die Route und entscheide dann über das Mittel. Heutige Debatten gehen über die Autofarbe, auch wenn ich mit dem Fahrrad fahren kann.

Achtsamkeit ist bewusstes Wahnehmen

Achtsamkeit fängt mit bewusstem Wahrnehmen an. Es kommt von den buddhistischen Mönchen in Asien. In den Klostern meditieren die in Achtsamkeit um ihr inneres Gleichgewicht zu finden. Nur nutzt es uns nichts, das Leben auf Sitzkissen zu verbringen und Hornhaut am Hintern zu züchten. Wir wollen am aktiven Leben teilnehmen. Aber müssen wir die Geschwindigkeit mit aufnehmen? Oder sind wir nicht schneller wenn wir den direkten Weg bewusst gehen?

Der Nachbar mäht den Rasen? Na und. Die Werbung nervt? Ignorier ich. Ich nehme es erst mal an, ohne zu bewerten – „wertfreies Annehmen“, sagen Psychologen. Ich schenke dem keine Aufmerksamkeit, keine Macht. Bewerte ich das mit „Jetzt mäht der schon wieder“ oder „diese Massen an Werbung“ dann konzentriere ich mich auf die Häufigkeit wie oft der Nachbar Rasen mäht oder wie viel Werbung ich bekomme. Eigentlich will ich weder noch. Also muss ich auch nicht entscheiden ob es viel oder wenig ist.

Achtsamkeit und wertfreies Annehmen

Dann kommt die Akzeptanz ins Spiel. Es gibt Akzeptanz und radikale Akzeptanz. Für Laien etwas verwirrend, aber am praktischen Beispiel ganz einfach. Nehmen wir den Nachbarn. Punkt 13 Uhr läuft der Rasenmäher los. Ich mache da gerne noch 10 Minuten die Augen zu. Beides sind einfach Feststellungen, die Gegensätzlich sind. Den Nachbarn stört es wohl nicht, wenn ich die Augen zumache. Er will ja nicht mein Sofa wegtragen, sondern seinen Rasen mähen. Ich stelle fest „Nachbar mäht Rasen“.

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  • Psychologie der Massen: Leinen mit Goldprägung Gebundene Ausgabe – 28. Mai 2018
    von Gustave Le Bon (Autor), Rudolf Eisler (Übersetzer)
    Dieses Buch erklärt, wie Gruppen oft irrational handeln und Emotionen über Verstand siegen. Es zeigt, warum Massen so leicht beeinflusst werden können.
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    von Steven C. Hayes (Autor), Ursula Bischoff (Übersetzer)
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Lärm akzeptieren?

Akzeptanz ist „Kann ich etwas gegen den Lärm machen“ und nur der Lärm interessiert. Wenn der Nachbar Unkraut hacken würde, wäre es mir ja egal. Also „Nachbar“ und „Lärm“ gefiltert. Muss ich das akzeptieren? Muss ich nicht, kann ich. Es ist ja kein Naturgesetz. Was kann ich tun? Ich kann mir Ohrstöpsel in die Ohren stecken, ich kann zum Nachbarn brüllen, er soll mit seinem blöden Mäher endlich aufhören. Oder ich kann auch hingehen und ihm in Ruhe erklären, dass ich gerne noch einen Mittagsschlaf halten würde, ob er nicht einfach später mähen könne. Eskalieren kann ich immer noch.

Akzeptanz und selbstbewusste Entscheidung

Das wäre die Akzeptanz und die selbstbewusste Entscheidung daraus. Radikale Akzeptanz nach Achtsamkeit ist ein Ereignis welches ich nicht beeinflussen kann. Regen, Schnee, der schweren Krankheit, dem Tod eines Menschen, meines Haustieres. Wenn ich mich im Garten sonnen will, in Achtsamkeit feststelle, es regnet, dann muss ich nicht überlegen wie ich den Regen abstellen kann. Ebenso beim Tod eines Menschen. Natürlich soll man trauern. Doch in der Achtsamkeit den Tod wertfrei annehmen. Jegliche Wertung raubt nur Kraft. Dann sich der radikalen Akzeptanz bewusst sein. Dies hilft bei der Trauer. Bei Krankheiten hilft es Kraft zu sammeln. Ich muss nicht meine ganze Kraft in die Bewertung stecken, sondern akzeptiere die Krankheit, habe Energie mich um die Heilung zu kümmern.

Akzeptanz und radikale Akzeptanz

Radikale Akzeptanz, ein Begriff aus der Psychologie, von Marsha Linehan: Ich nehme es hin, ohne Widerstand, ohne Ärger. Das alles ist meine Definition von Achtsamkeit. Passt auf alle Dinge des Lebens. Ich brauche weder psychologische Fachaufsätze, noch esoterische Glaubenssätze. Man muss dazu auch nichts kaufen, abonnieren oder Kurse besuchen.

Man braucht nur die Grunddefinition wie ich sie hier geschildert habe. Kein Mensch braucht „Achtsamkeitspolster für 99 statt 199 Euro“ oder den Online-Achtsamkeitskurs für „nur 499 Euro aber nur noch heute“. Man braucht nur sein Interesse sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. 3 einfache Schritte und die Übung. Das klappt nicht ganz im ersten Jahr. Buddhistische Mönche meditieren sich oft das ganze Leben an die Achtsamkeit. Doch das müssen wir nicht. Wir wollen ja leben und nicht meditieren.

Yoga – ein Modetrend?

Und dann ist da Yoga – kein Trend mit bunten Matten, sondern Teil der Achtsamkeit. Ich sehe als Krafttraining im Sitzen: Du schaust, wie dein Körper sich bewegt, nimmst es hin, entscheidest, wie weit du gehst. Ganz bewusst. Dazu muss man nicht gleich im Kopfstand einen Tango tanzen. Bewusst Bewegungen ausführen.

Wie grabe ich schonend den Garten um? Wie hebe ich einen schweren Sack? Bewusste Bewegungen Achtsam ausgeführt. Geht in jedem Fall schneller als den Hexenschuss zu kurieren. Es hilft, den Kopf frei zu kriegen auf 1 Ding zu konzentrieren, achtsam den Lärm der Geschwindigkeit Filtern. „Mach langsam, es pressiert“ – einer meiner Leitsätze. Nimm fünf Minuten, streck dich, spür den Wind – das ist es.

Weniger Stress durch bewusste Entscheidungen

Studien sagen: Wer selbst entscheidet, hat weniger Stress. Die Uni München hat 2023 gemessen: Cortisol sinkt um 25 Prozent, wenn du den Ton angibst. Jeremy Gray zeigte 2003: Fokus macht dich klarer – egal, woher du kommst und ich bin kein Akademiker, ich habe es im Leben gelernt – jeder kann das. Man braucht nur das Stichwort dazu. Ich hatte keinen Lehrgang, kein Seminar. Ein guter Bekannter hat es mir gezeigt. Die Gesellschaft fordert den Zwang: „Was sollen die Nachbarn denken?“ Mir ist es völlig egal. Es ist nicht mein Problem.

Tiere leben im Hier und Jetzt

Ich habe es bei Tieren beobachtet und festgestellt, sie leben im Hier und Jetzt. Als Beispiel nehme ich meinen Hund. Jetzt frisst er und fängt keinen Hasen. Denkt nicht an Gestern, nicht an Morgen, nur im Jetzt. Die Ohren offen für Gefahr, aber die Konzentration auf das Futter. Also wir blenden uns nicht vom Leben aus, wir nehmen es wahr und filtern es.

Fazit: Warum es funktioniert

Warum klappt das? LeBon sagt: Die Masse ist oberflächlich, folgt dem Strom. Milgram zeigt: Gehorsam macht uns zu Robotern. Die 80/20-Regel erklärt: Die meisten folgen, weil es bequem und sicher ist, auch wenn es für den Einzelnen keinen Sinn macht. Im Sozialismus geht die Gesellschaft über das Individuum. Der einzelne Mensch – also wir – spielt dabei keine Rolle. „Solidarität“ geht über alles. Obwohl in der Mehrheit der Fälle (vgl. Surowiecki (2004) Hastie & Kameda (2005)) die Gruppe die bessere Entscheidung getroffen hat, als der Experte. Habe ich eine achtsame Gesellschaft, dann steigt die Zahl noch höher.

Führer sind nicht die Klügsten

Der Führer befiehlt, alle folgen. Führer sind meist nicht die Klügsten. Obwohl in der Mehrheit der Fälle (vgl. Surowiecki (2004) Hastie & Kameda (2005)) die Gruppe die bessere Entscheidung getroffen hat, als der Experte. Habe ich eine achtsame Gesellschaft, dann steigt die Zahl noch höher.

Mein Blog ist dafür da: Keine oberflächlichen Debatten, sondern ein System, das jeder lernen kann. Fang klein an: Heute fünf Minuten sitzen, schauen, was der Tag bringt. Oder beim Essen genießen, nicht reinschaufeln – selbst beim Rasen mähen. Auf den Rasen konzentriert, nutze ich immer die optimale Schnittbreite, sehe den Stein liegen, etc. Auch nötige Aufgaben gehen schneller. „Macht langsam, es pressiert) Frühling ist da, um aufzuwachen – bewusst im Frühling mit Achtsamkeit, nicht im Lärm.

Die Serie und Newsletter

Ich habe beim schreiben des Artikels gemerkt, dass dieses Thema extrem umfangreich ist und da ich aus der Praxis komme, kann ich das auf viele Themen des Lebens beziehen. Deshalb habe ich mich entschieden jeden Sonntag um 7 Uhr zum Frühstück einen Artikel zu veröffentlichen. Es geht immer um Achtsamkeit im praktischen Leben, ob zum Frühstück einen Artikel der motiviert und der Tag kann nur noch gut werden.

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Wie geht ihr den Frühling an – mitlaufen oder filtern? Mehr zu Essen oder Frühling kommt nächsten Sonntag um 7 Uhr auf michelswelt.blog.

Quellen:

  • LeBon, Gustave (1895). „Psychologie der Massen“.
  • Uni München (2023). „Stress-Studie: Cortisol sinkt um 25 % bei Selbstbestimmung“. Link.
  • Gray, Jeremy R. (2003). „Fokus und Klarheit“. Nature Neuroscience, Link.
  • Hastie, R., & Kameda, T. (2005). „The Robust Beauty of Majority Rules“. Psychological Review, Vol. 112, Nr. 2, S. 494-508, Link.

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